Mit dem Angriff auf Venezuela gibt sich die US-Regierung noch nicht mal den Anschein der Verteidigung von Menschenrechten.
Jakob Schäfer
Der Überfall ist Ausdruck der im November vorgestellten neuen „Nationalen Sicherheitsstrategie“ der USA und war seit Monaten mit der Versenkung von Fischerbooten, dem Kapern von Öltankern und der Einrichtung einer Flugverbotszone vorbereitet worden. Der CIA konnte sich auf die Zusammenarbeit mit US-freundlichen Kräften im Machtapparat Venezuelas stützen, nutzte aber auch Mittel der kognitiven Kriegsführung, in dem Fall das Verbreiten von Fake News. Die daraufhin erfolgten Reaktionen in den Social Media wurden ausgewertet, um abschätzen zu können, wie die Bevölkerung auf diese oder jene Aktion reagieren würde. Der US-Regierung kam gelegen, dass die venezolanische Bevölkerung wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und der dramatisch verschärften Repression extrem unzufrieden ist. Zu mehr Details verweisen wir auf das nachfolgende Interview.
Unmittelbar nach dem Angriff vom 3. Januar lässt sich noch nicht absehen, wie zügig ein Regimewechsel durchgesetzt werden kann. Doch die Gründe für den Überfall sind klar:
Erstens wird mit dem Militärschlag allen Ländern vor Augen geführt, dass die US-Regierung keine Politik duldet, die den Interessen der herrschenden Klasse in den USA zuwiderläuft. Für Lateinamerika ist es die direkte Umsetzung der „Donroe-Doktrin“, also des Anspruchs der US-Regierung, Lateinamerika als eigenen Hinterhof zu beanspruchen, in dem nichts gegen den Willen Washingtons geschehen darf. Dies soll nicht nur mit einem Regimewechsel, sondern auch um mit der Einrichtung von US-Militärbasen in Venezuela untermauert werden. Das nächste Ziel könnte dann die Besetzung des in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Panamakanals sein.
Zweitens verschafft sich die herrschende Klasse der USA einen privilegierten Zugang zu venezolanischem Öl sowie eine Exportkontrolle, die am stärksten Kuba treffen wird, das vor allem für seine Stromerzeugung auf venezolanisches Öl angewiesen ist. Auf diese Weise Kuba wirtschaftlich sturmreif zu schießen, ist seit langem ein großes Interesse des US-Imperialismus, der die kubanische Revolution (1959) und das Scheitern der Invasion in der Schweinebucht (1961) bis heute politisch nicht verwunden hat. Letztlich zielt die US-Politik mit dem Schlag gegen Venezuela auf einen Dominoeffekt.
Drittens und ganz besonders soll die Kontrolle über Venezuela den großen Konkurrenten China treffen, das in Lateinamerika gute Geschäfte macht und bis zum 3. Januar günstig Öl aus Venezuela bezog. Wenn nun ExxonMobil, Chevron und ConocoPhillips dort wieder die Ölquellen ausbeuten und den Ölexport kontrollieren, dann trifft dies China vor allem unmittelbar wirtschaftlich.
Viertens geht es der US-Regierung auch um einen ungehinderten Zugriff auf die anderen Bodenschätze vor allem im Süden des Landes, und zwar im Orinoco-Bergbaugürtel. Nicht zuletzt die Seltenen Erden, die für moderne Technologien von entscheidender Bedeutung sind im Blick, vor allem Coltan und Thorium, auch als „blaues Gold“ bekannt. Sie spielen eine Schlüsselrolle für die Big Tech-Konzerne, aber auch in der Rüstungsindustrie sowie bei den Technologien für erneuerbare Energien.
Fünftens: Innenpolitisch läuft es für die US-Regierung zurzeit nicht besonders gut (der Anstieg der Lebenshaltungskosten beschleunigt sich, Jobverluste nehmen zu), sodass eine Orientierung der Aufmerksamkeit auf außenpolitische „Erfolge“ nur helfen kann. Dies gelingt der US-Regierung dann gut, wenn sie dort Bündnispartner findet und keine toten amerikanischen Soldaten nach Hause bringen muss, aber auch wenn es keine internationale Protestwelle gibt. Deswegen sollten wir auf die Straße gehen, vor allem vor offiziellen US-amerikanischen Einrichtungen (Botschaft, Konsulate usw.) um dort zu fordern:
Hands off Venezuela! Kein Blut für Öl!
Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 1/2026 (Januar/Februar 2026). | Startseite | Impressum | Datenschutz