Ökonomie

Imperialismus und das Ende der Globalisierung

Federico Fuentes von Green Left sprach mit William Jefferies über den heutigen Imperialismus und warum die Zeit der Globalisierung zu Ende geht.

Interview mit William Jefferies

 Bleibt das Konzept des Imperialismus weiterhin gültig?

Der Imperialismus ist nach wie vor ein wichtiger Begriff. Lenin definierte ihn 1916 als die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital zum Finanzkapital, und das ist im Wesentlichen immer noch richtig. Lenin schrieb auch, dass die Großmächte danach streben, die Welt in Interessensphären aufzuteilen, und das definiert auch eindeutig die gegenwärtige Periode.

Hundert Jahre später haben sich die Dinge weiterentwickelt, aber in mancher Hinsicht auch nicht. Für mich ist die Definition des Imperialismus als Monopolkapitalismus nach wie vor richtig, solange man die heutige Situation konkret betrachtet.

 Gibt es besondere Veränderungen, die heute für das Verständnis des Imperialismus herausstechen?

Ein besonders interessantes aktuelles Merkmal ist das Ausmaß der Deindustrialisierung in den USA und Großbritannien.

Heute liegt der Anteil der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in Großbritannien bei etwa 7 %, und viele von ihnen sind in Branchen wie der Lebensmittelproduktion tätig. Die Situation in den USA ist nicht ganz so extrem, aber auch dort gibt es einen starken Rückgang der Industrieproduktion.

Inwieweit kann man also noch davon sprechen, dass das Finanzkapital in den USA oder Großbritannien die Verschmelzung von Bank- und Industriekapital ist? Stattdessen gibt es die Dominanz des Near-Banking in Form von riesigen Finanzorganisationen wie Blackstone, die sich nach der Finanzkrise 2008 entwickelt haben.

Sie dominieren eindeutig die US-Wirtschaft und funktionieren im Wesentlichen, indem sie am Zinssatz und nicht an der Profitrate verdienen. Dies ist wichtig, da der Zinssatz nicht durch den Kauf oder die Produktion von Waren verdient wird, sondern von den Finanzströmen abhängt (auch wenn dies durch den Kauf und die Produktion von Waren untermauert wird).

Wenn der Imperialismus die Verschmelzung von Finanz- und Industriekapital ist, dann zeigt die Gewichtung heute in den USA und in Großbritannien klar in Richtung auf das Bank- und Finanzwesen und weg vom Industriekapital.

In China hingegen ist es umgekehrt. China verfügt über Finanzkapital in Form von riesigen staatlichen Banken, aber auch über Industriekapital in Form von riesigen Industriekonglomeraten. In China sehen wir die Wiederbelebung des Vorrangs der industriellen Produktion vor dem Bank- und Finanzwesen.

Das ist wichtig, weil am Ende der Produzent von Waren die meiste Macht hat. Er kann produzieren, was jeder braucht, und hat ein direktes Mittel zur Gewinnung von Mehrwert (im Gegensatz zum indirekten Mittel über Zinsflüsse an Finanzinstitute).

In den nächsten 5–10 Jahren wird China versuchen, den Vorrang der industriellen Produktion zu behaupten. China will einen Teil des Zinssatzes zurückbekommen, der derzeit an Banken im Westen fließt. Das wird einen wesentlichen Widerspruch zwischen China und den USA (und dem Westen im Allgemeinen) schaffen.

 In Ihrem Buch beziehen Sie sich auf die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges als „lange Welle der Globalisierung“. Könnten Sie die Dynamik innerhalb des globalen Imperialismus während der Globalisierung skizzieren?

Manche Menschen stellen fälschlicherweise die Globalisierung dem Imperialismus gegenüber, aber die Globalisierung hat den Imperialismus nicht abgeschafft. Die Globalisierung trug dazu bei, die räuberische Natur des Imperialismus für eine gewisse Zeit zu verbergen, da die US-Hegemonie aufgrund der Dynamik ihrer Wirtschaft so dominant wurde.

Doch die Globalisierung neigt sich dem Ende zu und neue Widersprüche beginnen sich zu entfalten. Das ist auch der Grund, warum die USA die Notwendigkeit wiederentdeckt haben, raubgieriger zu sein.

Ich betrachte die lange Welle der Globalisierung im Kontext der Theorie der langen Wellen, die auf Alexander Parvus zurückgeht, auch wenn sie traditionell Nikolai Kondratjew und Leo Trotzki zugeschrieben wird.

Parvus sagte, es werde lange Perioden von Sturm und Drang in der Weltwirtschaft geben. Er sagte, dass Veränderungen wie die Ausweitung oder Öffnung neuer Märkte, das Aufkommen neuer Sektoren der Kapitalakkumulation, die Verkürzung der Umschlagszeiten und neue technologische Fortschritte eine ganze Periode der Weltwirtschaft bestimmen würden.

Dies würde die üblichen Konjunkturzyklen nicht ablösen, aber diese Zyklen würden sich innerhalb dieser längeren Welle, dieses Zyklus, dieser Periode oder wie immer man es nennen will, entwickeln, wobei sich die Krisen verschärfen und ihre Dauer kürzer würde. Er sah voraus, dass dies so lange andauern würde, bis die Kräfte der Entwicklung ihr volles Potenzial entfaltet hätten, um dann von einer schweren Handelskrise und einer wirtschaftlichen Depression abgelöst zu werden.

Mein Buch befasst sich mit der langen Welle der Globalisierung, die 1989–91 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und ihrer Umstellung auf die Marktwirtschaft begann, sowie mit der Zerschlagung der Demokratiebewegung in China und dessen Übergang zum Markt.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Übergang Chinas zur Marktwirtschaft verdoppelte sich weltweit die Zahl der Arbeiter:innen, die vom Kapital ausgebeutet werden können.

Mitte bis Ende der 1990er Jahre wurden in China die Staatsbetriebe privatisiert und etwa 70 Millionen Arbeitnehmer entlassen. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Großbritannien beträgt heute etwa 35 Millionen.

Außerdem gab es riesige Mengen an Produktionsmitteln, die nicht bezahlt, sondern einfach vom Kapital gestohlen wurden: Wir sprechen nicht von belanglosen Kleinigkeiten, sondern von Städten wie Warschau, Prag usw.

Hinzu kam der Zusammenbruch der nationalen Befreiungskämpfe, die in vielen Fällen von der Sowjetunion abhängig waren: Südafrika, Palästina, Irland – all diese Kämpfe wurden in den 90er Jahren mehr oder weniger beigelegt.

Und es gab die Niederlagen der Arbeiterklasse, für die als Beispiel der Sieg über den britischen Bergarbeiterstreik gelten mag, und im weiteren Sinne die Niederlage der Idee des Sozialismus, die mit der Sowjetunion identifiziert wurde.

All dies hat die Weltwirtschaft grundlegend verändert und eine neue lange Periode eingeleitet.

Sie schuf auch die Voraussetzungen für die vom Internationalen Währungsfonds so genannte Hyperglobalisierung, die von etwa 2001 bis zur Finanzkrise 2008 folgte. Dies war eine Phase mit sehr starkem Wachstum. Ab 2008 gab es dann zwar immer noch stetiges Wachstum und hohe Gewinne, aber nicht mehr so wie während der Hyperglobalisierung.

Wenn wir nun in die heutige Zeit springen, beginnt die lange Welle der Globalisierung zu Ende zu gehen. Man muss sich zwar vor voreiligen Schlüssen hüten, während solche Verschiebungen noch stattfinden, aber es scheint eine Verschiebung in Richtung Deglobalisierung zu geben.

Viele leugnen dies, aber sehen wir uns um: Wir haben Sanktionen, die Aufteilung der Welt in Blöcke, Kriege, usw. Als naheliegender Gedanke lässt sich daraus folgern: Wenn die Globalisierung nicht voranschreitet, dann geht sie zurück. Die Welt wurde immer globalisierter, jetzt geht dies zurück.

 In Ihrem Buch sagen Sie, dass wir mit dem Ende der Globalisierung in eine neue Krisenzeit eintreten, unterscheiden aber zwischen einer Krise des Kapitalismus und einer Krise für den Kapitalismus. Wie meinen Sie das?

In der kommenden Zeit werden die Kriege noch hartnäckiger und bösartiger werden. Sehen Sie sich Gaza an: Sie massakrieren jeden Tag Menschen und tun nicht einmal mehr so, als ob sie ein Krankenhaus „versehentlich“ bombardieren würden.

Auch die Konfrontation zwischen China und den USA wird sich weiter vertiefen. Die USA werden ihre enormen außerwirtschaftlichen Instrumente einsetzen, um ihre Macht zu verteidigen, da sie angesichts des Verlustes ihrer industriellen Basis nicht mehr auf die traditionellen wirtschaftlichen Instrumente zurückgreifen können. Wir werden auch eine Inflation erleben, die einen realen Angriff auf den Lebensstandard der Menschen bedeutet.

Bei solchen Vorhersagen muss man vorsichtig sein: Es ist zu verlockend, sich die Erfüllung eigener Wünsche zu erhoffen. Aber ich denke, diese Dinge werden sich entwickeln. Damit werden die objektiven Bedingungen für Klassenkonflikte neu geschaffen – und damit auch die subjektiven Bedingungen.

Auch hier muss man vorsichtig sein, um nicht zu schematisch zu sein, aber ich denke, dass die Bedingungen für den Klassenkampf in der nächsten Periode wiederbelebt werden. Wir können bereits jetzt eine gewisse Veränderung feststellen.

      
Mehr dazu
Jakob Schäfer: Krise und Empire, die internationale Nr. 4/2025 (Juli/August 2025). Auch bei intersoz.org.
Resolution des 17. Weltkongresses der Vierten Internationale: Kapitalistische Globalisierung, Imperialismen, geopolitisches Chaos und die Folgen, die internationale Nr. 3/2018 (Mai/Juni 2018) (nur online).
Jakob Schäfer: Protektionismus kontra Kapitallogik, die internationale Nr. 3/2017 (Mai/Juni 2017).
Thadeus Pato: Lange Wellen – die letzte?, Inprekorr Nr. 460/461 (März/April 2010).
Leo Trotzki: Über die Kurven der kapitalistischen Entwicklung, Inprekorr Nr. 294 (April 1996).
 

Wir haben zwar keine soziale Krise, aber die Unzufriedenheit brummt: Menschen haben die Nase voll, sie sehen keine Zukunft. Das ist wichtig, hat sich aber noch nicht als sozialer Konflikt ausgedrückt.

Deshalb unterscheide ich zwischen einer Krise für den Kapitalismus und einer Krise des Kapitalismus.

Krisen für den Kapitalismus bedrohen den Kapitalismus nicht. So gab es zum Beispiel regelmäßig Finanzkrisen, vor allem den Finanzcrash 2008, aber das System hat sie gemeistert. Diese Krisen bedrohten die Existenz des Systems als Ganzes nicht und wurden zumindest in dem Maße gelöst, wie es für eine erweiterte Reproduktion erforderlich war.

Die einzige wirkliche Krise für den Kapitalismus ist eine Krise des Kapitalismus — das heißt, eine soziale Herausforderung, die in der Lage ist, die kapitalistische Ordnung zu beseitigen. Doch die gibt es faktisch nicht.

Aber mit dem Ende der langen Welle der Globalisierung eröffnet sich die Möglichkeit für mehrere Krisen für den Kapitalismus: Handels- und militärische Kriege, Klimawandel, Migration, Umweltzerstörung. Und wenn sie die Bedingungen für soziale Konflikte wiederbeleben, können wir noch erleben, wie sich diese in eine Krise des Kapitalismus verwandeln.

Sicher ist, dass diese Krisen den Sozialist:innen Chancen eröffnen werden.

Quelle: GreenLeft, Nr. 1437, 22. August 2025
William Jefferies ist Senior Lecturer an der SOAS University of London und Autor des kürzlich veröffentlichten Buches “War and the World Economy: Trade, Tech and Military Conflicts in a De-globalising World”.
Übersetzung: Björn Mertens

Quelle: Imperialism and the end of globalisation, GreenLeft, 22.08.2025, Übersetzung: Björn Mertens



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 1/2026 (Januar/Februar 2026) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz