Ökonomie

Über die Kurven der kapitalistischen Entwicklung

Dieser Artikel von Leo Trotzki wurde in Viestnik sotsialisticheskoi Akademii, Nr. 4, April–Juni 1923 veröffentlicht. Nach seiner Rede auf dem Dritten Weltkongreß der Komintern 1921 entwickelt er hier erstmals die Theorie der „Langen Wellen der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft“.

Leo Trotzki

In seiner Einleitung zu Karl Marx' „Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ schrieb Friedrich Engels:

„Bei der Beurteilung von Ereignissen und Ereignisreihen aus der Tagesgeschichte wird man nie imstande sein, bis auf die letzten ökonomischen Ursachen zurückzugehen. Selbst heute noch, wo die einschlägige Fachpresse so reichlichen Stoff liefert, wird es sogar in England unmöglich bleiben, den Gang der Industrie und des Handels auf dem Weltmarkt und die in den Produktionsmethoden eintretenden Änderungen Tag für Tag derart zu verfolgen, daß man für jeden beliebigen Zeitpunkt das allgemeine Fazit aus diesen mannigfach verwickelten und stets wechselnden Faktoren ziehen kann, Faktoren, von denen die wichtigsten obendrein meist lange Zeit im verborgenen wirken, bevor sie plötzlich gewaltsam an der Oberfläche sich geltend machen. Der klare Überblick über die ökonomische Geschichte einer gegebenen Periode ist nie gleichzeitig, ist nur nachträglich, nach erfolgter Sammlung und Sichtung des Stoffes, zu gewinnen. Die Statistik ist hier notwendiges Hülfsmittel, und sie hinkt immer nach. Für die laufende Zeitgeschichte wird man daher nur zu oft genötigt sein, diesen den entscheidenden Faktor als konstant, die am Anfang der Periode vorgefundene ökonomische Lage als für die ganze Periode gegeben und unveränderlich zu behandeln oder nur solche Veränderungen dieser Lage zu berücksichtigen, die aus den offen vorliegenden Ereignissen selbst entspringen und daher ebenfalls offen zutage liegen. Die materialistische Methode wird sich daher hier nur zu oft darauf beschränken müssen, die politischen Konflikte auf Interessenkämpfe der durch die ökonomische Entwicklung gegebenen, vorgefundenen Gesellschaftsklassen und Klassenfraktionen zurückzuführen und die einzelnen politischen Parteien nachzuweisen als den mehr oder weniger adäquaten politischen Ausdruck dieser selben Klassen und Klassenfraktionen.

 

Lange Wellen

In seinem Buch Die langen Wellen des Kapitalismus schreibt Ernest Mandel: „Trotzki formulierte als erster die marxistische Theorie der langen Wellen der Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft entgegen Kondratieffs Konzeption der mechanischen Zyklen“.

Die Herausgeber der Fourth International – es waren seinerzeit James P. Cannon, Albert Goldmann, Joseph Hansen, Felix Morrow und William F. Warde – weisen in ihrer Einleitung zur ersten englischen Übersetzung auf die große theoretische Bedeutung des Artikels hin. Darüber hinaus „haben Trotzkis Beobachtungen einen unmittelbaren Bezug auf die gegenwärtige Situation in den USA. Die Kriegskonjunktur ruft erhebliche Erschütterungen in der amerikanischen Wirtschaft und außerordentliche Veränderungen in allen entscheidenden Bereichen des Gesellschaftslebens hervor. Derartige plötzliche und jähe Übergänge von der Verarmung zum Wohlstand und wieder zurück, vom Frieden zum Krieg und umgekehrt sind genau jene Art von gesellschaftlichen Bewegungen, die Krisen von revolutionärer Heftigkeit auslösen. Wer auch immer die tiefere Bedeutung gegenwärtiger Ereignisse erfassen will, sollte mit äußerster Sorgfalt die hier von Trotzki dargestellten Gedanken studieren, da sie auf die gegenwärtigen Entwicklungen in den USA und die Weltsituation anwendbar sind.“

Es ist selbstredend, daß diese unvermeidliche Vernachlässigung der gleichzeitigen Veränderung der ökonomischen Lage, der eigentlichen Basis aller zu untersuchenden Vorgänge, eine Fehlerquelle sein muß.“ (Hervorhebung durch uns). [1]

Diese Gedanken, die Engels kurz vor seinem Tode formulierte, wurden nach ihm von niemandem weiterentwickelt. Soweit ich mich erinnere, werden sie sogar selten zitiert, viel seltener, als es sein sollte. Und darüber hinaus – ihre Bedeutung scheint vielen Marxisten entgangen zu sein. Die Erklärung dafür muß wiederum in den von Engels angegebenen Gründen gefunden werden, die gegen jederlei endgültige ökonomische Interpretation einer laufenden Zeitgeschichte ankämpfen.

Es ist eine sehr schwierige, in ihrem vollen Umfang unmöglich zu lösende Aufgabe, jene unterirdischen Anstöße zu bestimmen, welche die Ökonomie auf die gegenwärtige Politik überträgt; und doch kann die Erklärung politischer Erscheinungen nicht verschoben werden, denn der Kampf kann nicht warten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei der politischen Tagesarbeit zu Erklärungen seine Zuflucht zu nehmen, die so allgemein sind, daß sie durch langen Gebrauch in Binsenwahrheiten umgewandelt werden.

Solange die Politik in stets gleicher Form weiterfließt, in denselben Kanälen und ungefähr gleicher Geschwindigkeit, d.h., solange die Akkumulation ökonomischer Quantität noch nicht in politische Qualität umgeschlagen ist, erfüllt diese Art erklärender Abstraktion („die Interessen der Bourgeoisie“, „Imperialismus“, „Faschismus“) mehr oder weniger ihren Zweck: eine politische Tatsache nicht in ihrer vollen Konkretheit zu interpretieren, sondern sie auf einen bekannten Gesellschaftstyp zu reduzieren, was natürlich wirklich von unschätzbarer Wichtigkeit ist.

Tritt aber in der Lage eine ernsthafte Änderung ein, und noch weit mehr bei einer scharfen Wendung, dann erweisen solche allgemeinen Erklärungen ihre vollkommene Unzulänglichkeit, und verwandeln sich völlig zu leeren Binsenwahrheiten. In solchen Fällen ist es jedesmal notwendig, analytisch viel tiefer einzudringen, um den qualitativen Gesichtspunkt zu bestimmen, und – wenn möglich – auch quantitativ die Antriebskräfte der Ökonomie auf die Politik zu messen. Diese „Antriebskräfte“ stellen die dialektische Form der „Aufgaben“ dar, die aus der dynamischen Grundlage herrühren und eine Lösung in der Sphäre des Überbaus suchen.

Schwankungen der Wirtschaftskonjunktur (Hochkonjunktur–Depression–Krise) bedeuten bereits von sich aus periodische Anstöße, die einmal zu quantitativen, einmal zu qualitativen Änderungen, und zu Neubildungen auf dem Feld der Politik Anlaß geben. Die Einnahmen der besitzenden Klassen, das Staatsbudget, Löhne, Arbeitslosigkeit, Umfang des Außenhandels usw. sind eng mit der Wirtschaftskonjunktur verbunden und üben ihrerseits einen ganz direkten Einfluß auf die Politik aus. Das allein genügt, um zu verstehen, wie wichtig und ergiebig es ist, Schritt für Schritt die Geschichte von politischen Parteien, Staatseinrichtungen usw. im Verhältnis zu den Zyklen der kapitalistischen Entwicklung zu verfolgen. Damit meinen wir keineswegs, daß diese Wellenbewegungen alles erklären: Das ist schon allein aus dem Grunde ausgeschlossen, weil diese Zyklen selber nicht grundlegende sondern abgeleitete ökonomische Erscheinungen sind. Sie entfalten sich auf der Basis der Entwicklung der Produktivkräfte über die Vermittlung der Marktverhältnisse. Aber die Zyklen erklären sehr viel, da sie durch automatisches Pulsieren eine unentbehrliche dialektische Quelle in der Mechanik einer kapitalistischen Gesellschaft bilden. Die Bruchstellen der Handels- und Industriekonjunktur bringen uns in unmittelbare Nähe zu den kritischen Knotenpunkten im Gewebe der Entwicklung politischer Tendenzen, der Gesetzgebung und aller Formen der Ideologie.

Aber der Kapitalismus wird nicht allein durch die periodische Wiederkehr von Wellenbewegungen charakterisiert – denn in diesem Falle würde eine verwickelte Wiederholung und keine dynamische Entwicklung stattfinden. Handels- und Industriezyklen haben in verschiedenen Perioden einen verschiedenen Charakter. Der Hauptunterschied zwischen ihnen wird durch die quantitativen Wechselbeziehungen zwischen der Krise und der Konjunkturperiode innerhalb jedes gegebenen Zyklus bestimmt. Stellt die Hochkonjunktur die Zerstörung oder die Einschränkungen während der vorangegangenen Krise mit einem Überschuß wieder her, dann bewegt sich die kapitalistische Entwicklung aufwärts. Übertrifft die Krise, die durch Zerstörung und auf alle Fälle durch Schrumpfung der Produktivkräfte gekennzeichnet ist, in ihrer Heftigkeit die entsprechende Hochkonjunktur, dann erhalten wir als Ergebnis einen Wirtschaftsrückgang. Gleichen sich schließlich Krise und Hochkonjunktur in ihrer Stärke, dann ergibt sich ein zeitweiliges und stagnierendes Gleichgewicht in der Wirtschaft. Das ist das Schema im groben.

Wir beobachten in der Geschichte, daß gleichartige Zyklen der Reihe nach eine Gruppe bilden. Es gibt ganze Perioden kapitalistischer Entwicklung, in denen eine Zahl von Zyklen durch scharf umrissene Hochkonjunkturen und schwache kurzlebige Krisen gekennzeichnet sind. Als Ergebnis erhalten wir eine steil ansteigende Grundkurve der kapitalistischen Entwicklung. Demgegenüber treten Stagnationsepochen auf, in denen diese Kurve, während sie partielle zyklische Schwankungen durchmacht, jahrzehntelang auf annähernd gleicher Höhe bleibt. Und während bestimmter historischer Perioden taucht die Grundkurve, während sie wie immer zyklischen Schwankungen unterworfen ist, als Ganze gesehen hinunter und kündigt somit den Niedergang der Produktivkräfte an.

Man kann bereits a priori annehmen, daß Epochen einer stürmischen kapitalistischen Entwicklung, in der Politik, bei den Gesetzen, in der Philosophie, der Dichtkunst Züge aufweisen müssen, die sich scharf von denen in den Epochen der Stagnation oder des ökonomischen Niedergangs unterscheiden müssen. Darüber hinaus muß ein Übergang von einer Epoche dieser Art zu einer andersartigen natürlich die größten Erschütterungen im Verhältnis zwischen den Klassen und zwischen Staaten herbeiführen. Auf dem Dritten Weltkongreß der Komintern mußten wir diesen Punkt betonen – im Kampf gegen die rein mechanische Auffassung einer damals stattfindenden kapitalistischen Zersetzung. Findet periodisches Ersetzen „normaler“ Hochkonjunkturen durch „normale“ Krisen ihre Widerspiegelung in allen Sphären des gesellschaftlichen Lebens, dann erzeugt ein Übergang von einer Gesamtepoche der Hochkonjunktur zu einer des Niedergangs (oder umgekehrt) die gewaltigsten historischen Störungen, und es ist nicht schwierig aufzuzeigen, daß in vielen Fällen Revolutionen und Kriege die Grenze zwischen verschiedenen Epochen ökonomischer Entwicklung bilden, d.h. den Verbindungspunkt zwischen zwei verschiedenen Abschnitten der kapitalistischen Kurve. Von diesem Standpunkt aus die gesamte moderne Geschichte zu analysieren, ist wahrhaftig eine der dankbarsten Aufgaben des dialektischen Materialismus.

Im Anschluß an den Dritten Weltkongreß der Komintern ging Professor Kondratieff an dieses Problem heran – wobei er wie gewöhnlich sorgfältig die vom Kongreß selber angenommene Formulierung der Frage vermied – und versuchte, neben einen „kleineren Zyklus“, der einen Zeitraum von zehn Jahren umfaßt, die Vorstellung eines „größeren Zyklus“, der ungefähr fünfzig Jahre umfaßte, zu setzen. Nach seiner symmetrisch aufgezogenen Konstruktion besteht ein größerer ökonomischer Zyklus aus etwa fünf kleineren Zyklen, und weiterhin haben die Hälfte von ihnen Hochkonjunkturcharakter, während die andere Hälfte Krisen sind, mit allen erforderlichen Übergangsstadien. Das von Kondratieff zusammengetragene statistische Material sollte sorgfältiger und nicht allzu leichtgläubiger Überprüfung unterworfen werden, sowohl in bezug auf die einzelnen Länder wie auf den Weltmarkt insgesamt. Es ist bereits möglich, im voraus Professor Kondratieffs Versuch zu widerlegen, von ihm als größere Zyklen bezeichnete Epochen mit ebendemselben „streng gesetzmäßigen Rhythmus“ auszustatten, der in kleineren Zyklen zu beobachten ist; das ist eine offensichtlich falsche Verallgemeinerung aus einer formalen Analogie.

Die periodische Wiederkehr von kleineren Zyklen ist durch die interne Dynamik der kapitalistischen Kräfte bedingt und offenbart sich immer und überall, sobald der Markt in Erscheinung getreten ist. In bezug auf die großen Abschnitte der kapitalistischen Entwicklungskurve (50 Jahre), die Professor Kondratieff unvorsichtigerweise vorschlägt, ebenfalls als Zyklen zu bezeichnen, ist ihr Charakter und Dauer nicht durch das interne wechselseitige Spiel der kapitalistischen Kräfte, sondern durch jene externen Bedingungen bestimmt, durch deren Kanäle die kapitalistische Entwicklung fließen. Das Erfassen neuer Länder und Kontinente durch den Kapitalismus, die Entdeckung neuer Rohstoffquellen und in ihrem Gefolge solche Tatsachen von überragender Bedeutung von seiten des „Überbaus“ wie Kriege und Revolutionen bestimmen den Charakter und das Ersetzen aufsteigender, stagnierender oder niedergehender Epochen der kapitalistischen Entwicklung.

Welchen Weg sollte dann die Untersuchung einschlagen?

Der erste Teil unserer Aufgabe besteht darin: man muß die Kurve der kapitalistischen Entwicklung in ihren nicht-periodischen (Grund-) und in ihren periodischen (Neben-)phasen und die Wendepunkte in bezug auf die einzelnen uns interessierenden Länder und in bezug auf den gesamten Weltmarkt aufstellen. Haben wir die Kurve festgelegt (die Methode der Festlegung ist natürlich eine Spezialfrage für sich und keineswegs einfach, aber sie gehört zum Gebiet der ökonomisch-statistischen Technik), dann können wir sie in Perioden zerlegen, die von dem Winkel des Auf- oder Absteigens in Beziehung zu der Achse der Abszisse abhängig sind (s. Zeichnung). Auf diese Weise erhalten wir eine bildliche Darstellung der ökonomischen Entwicklung, d.h. die Kenntlichmachung der „eigentlichen Basis aller zu untersuchenden Vorgänge“ (Engels).

Abhängig davon, wie konkret und detailliert unsere Untersuchung sein soll, werden wir eine Reihe solcher Schemata brauchen: eines, das sich auf die Landwirtschaft, ein anderes,das sich auf die Schwerindustrie usw. bezieht. Haben wir dieses Schema als unseren Ausgangspunkt, dann müssen wir es mit den politischen Ereignissen (im weitesten Sinne des Begriffs) synchronisieren, und wir können dann nicht nur nach Übereinstimmung oder vorsichtiger nach Wechselbeziehungen zwischen genau umschriebenen Epochen des Gesellschaftslebens und den deutlich ausgewiesenen Kurvenabschnitten der kapitalistischen Entwicklung Ausschau halten, sondern auch nach jenen direkten versteckten Impulsen, welche die Ereignisse auslösen. Bei diesem Vorgehen ist es natürlich absolut nicht schwierig, in die übelste Schematisierung zu verfallen und vor allem die beharrliche innere Reaktion und Aufeinanderfolge ideologischer Prozesse zu ignorieren und blind gegenüber der Tatsache zu werden, daß die Ökonomie nur in letzter Instanz entscheidend ist. An schiefen Schlußfolgerungen, aus der marxistischen Methode abgeleitet, hat es nicht gefehlt! Aus diesem Grunde jedoch die oben angedeutete Formulierung der Frage zurückzuweisen („sie riecht nach Ökonomismus“) heißt die völlige Unfähigkeit beweisen, das Wesentliche am Marxismus zu begreifen, der die Ursachen für die Änderungen beim gesellschaftlichen Überbau bei den Änderungen der ökonomischen Grundlage und nicht anderswo – sucht.

 

Auf die Gefahr hin, den theoretischen Zorn der Gegner des „Ökonomismus“ hervorzurufen (und teilweise mit der Absicht, ihren Unwillen zu provozieren), bringen wir hier ein schematisches Diagramm, das willkürlich eine Kurve kapitalistischer Entwicklung für eine Periode von neunzig Jahren entlang den zuvor gezeichneten Linien wiedergibt. Die allgemeine Richtung der Grundkurve wird von dem Charakter der konjunkturellen Teilkurven, aus der sie zusammengesetzt ist, bestimmt. In unserem Schema sind drei Perioden scharf abgegrenzt: 20 Jahre sehr langsam verlaufende kapitalistischer Entwicklung (Abschnitt A–B); 40 Jahre lebhafter Aufschwung (Abschnitt B–C); 30 Jahre langwierige Krise und Niedergang (Abschnitt C–D). Tragen wir in dieses Diagramm die wichtigsten historischen Ereignisse der entsprechenden Periode ein, dann ist das Nebeneinanderliegen der wichtigsten politischen Ereignisse auf dem Bilde mit den Veränderungen der Kurve allein ausreichend, um den Gedanken hervorzurufen: Hier sind unschätzbare Ausgangspunkte für historisch-materialistische Untersuchungen. Der Parallelismus politischer Ereignisse und ökonomischer Veränderungen ist natürlich sehr relativ. Als allgemeine Regel gilt, daß der „Überbau“ Neubildungen in der ökonomischen Sphäre nur mit einer beträchtlichen Verspätung registriert und reflektiert. Aber dieses Gesetz muß durch eine konkrete Untersuchung dieser komplexen gegenseitigen Beziehungen, von denen wir hier eine bildliche Andeutung gegeben haben, aufgedeckt werden.

In dem Referat auf dem Dritten Weltkongreß veranschaulichten wir unseren Gedanken an bestimmten historischen Beispielen, die wir aus der Revolutionsepoche von 1848, der Zeit der ersten russischen Revolution (1905) und der Periode, die wir jetzt durchleben (1920–1921), entnahmen. Wir verweisen den Leser auf diese Beispiele (s. Die Neue Etappe [2]). Sie liefern nichts Endgültiges, aber sie charakterisieren durchaus zureichend die außerordentliche Bedeutung des von uns gewählten Herangehens, um vor allen Dingen die entscheidenden Sprünge in der Geschichte – Kriege und Revolutionen – zu verstehen. Wenn wir in diesem Brief ein völlig willkürliches bildhaftes Schema benützen, ohne zu versuchen, irgendeine aktuelle Periode in der Geschichte als Grundlage heranzuziehen, dann tun wir das einfach deswegen, weil jeder derartige Versuch viel zu sehr einer unvorsichtigen Vorwegnahme von Ergebnissen ähneln würde, die sich aus einer noch zu unternehmenden komplizierten und sorgfältigen Untersuchung ergeben werden.

Gegenwärtig ist es natürlich unmöglich, auch nur einigermaßen genau vorauszusehen, gerade welche Gebiete aus dem Feld der Geschichte erhellt und wieviel Licht durch eine materialistische Untersuchung geworfen wird, die von einem konkreteren Studium der kapitalistischen Kurve und der Wechselbeziehung zwischen der letzteren und allen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens ausgeht. Eroberungen, die auf diesem Wege gemacht werden sollen, können nur als das Ergebnis einer Untersuchung erzielt werden, die systematischer, planmäßiger als jene bisher unternommenen historisch-materialistischen Ausflüge sein müssen.

In jedem Fall verspricht ein solches Herangehen an die neueste Geschichte die Theorie des historischen Materialismus mit weitaus wertvolleren Resultaten zu bereichern als das außerordentlich zweifelhafte Jonglieren mit Begriffen und Ausdrücken der materialistischen Methode, die unter Federführung einiger unserer Marxisten die Methoden des Formalismus in den Bereich der materialistischen Dialektik verpflanzt hat; was dazu geführt hat, daß die Aufgabe, Definitionen und Klassifikationen genauer zu fassen, weniger erfüllt worden ist und mit leeren Abstraktionen Haarspalterei betrieben wurde: mit einem Wort, der Marxismus wurde mit Hilfe eines undezent eleganten Manierismus kantianischer Epigonen verfälscht. Es ist wirklich absurd, endlos ein Instrument zu schärfen, um den marxistischen Stahl abzuschleifen, wenn die Aufgabe darin besteht, das Instrument für die Überarbeitung des Rohmaterials einzusetzen!

Nach unserer Meinung könnte dieses Thema den Stoff für die ergiebigste Arbeit unserer marxistischen Seminare über historischen Materialismus liefern. Auf diesem Gebiet angestellte unabhängige Untersuchungen würden zweifellos neues Licht, oder zumindest mehr Licht auf einzelne historische Ereignisse und ganze Epochen werfen. Schließlich würde allein die Gewöhnung daran, in der Sprache der vorangehenden Begriffe zu denken, außerordentlich die Orientierung in der gegenwärtigen Epoche erleichtern: diese Epoche enthüllt offener als je zuvor die Verbindung zwischen einer kapitalistischen Ökonomie, die den Sättigungspunkt erreicht hat, und kapitalistischer Politik, die völlig zügellos geworden ist.

Ich versprach vor langer Zeit, dieses Thema in Viestnik sotsialisticheskoi Akademii zu behandeln. Bisher bin ich umständehalber verhindert gewesen, dieses Versprechen zu halten. Ich bin nicht sicher, ob ich es in naher Zukunft einlösen kann. Aus diesem Grunde beschränke ich mich inzwischen auf diesen Brief.

21. Juni 1923.
Quelle: Fourth International, Mai 1941.
Übersetzung und Anmerkungen: Rudi Segall.



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 294 (April 1996). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Zitat aus MEW, Bd. 22, S. 509–510.

[2] Die Neue Etappe – Die Weltlage und unsere Aufgaben, Hamburg 1921. Es handelt sich dabei um eine Rede, die Trotzki unmittelbar vor dem III. Kongreß der Dritten Internationale (1921) hielt und die er als den „genaueren Bericht als das auf dem Kongreß gehaltene Referat“ in seiner Vorrede zu dem Buch einstuft.