Covid-19-Pandemie/USA

Kritik an „linker“ Impfgegner-Desinformation

Impfgegner*innen aller Richtungen sind eine ernsthafte Gefahr für unsere Gesundheit.

In den USA kommt der Großteil der Agitation gegen Covid-Impfungen aus rechten Quellen. Sie ist gefährlich und verwerflich, weil sie die berechtigten Bemühungen des Gesundheitswesens bedroht, eine Pandemie unter Kontrolle zu bringen, die bereits mindestens 750 000 Menschen in den USA und fünf Millionen weltweit getötet hat. Die rechten Ideolog*innen, die diese Desinformationskampagne betreiben, sind einfach skrupellose Schurken.

Clifford D. Conner

Leider haben sie „linke“ Verbündete, die Begründungen entwickeln, die fortschrittlich denkende Menschen ansprechen sollen. Ein Blogbeitrag mit dem Titel „The Snake-Oil Salesmen and the COVID-Zero Con: A Classic Bait-And-Switch for a Lifetime of Booster Shots (Immunity as a Service)” (etwa: Die Wundermittelverkäufer und der Zero-Covid-Betrug; Klassisches Lockangebot für lebenslange Booster-Impfungen (Immunität im Abo)) liefert ein Paradebeispiel.

Impfungen in einer Apotheke, USA

Foto: Maryland GovPics

Es ist ein relativ schlaues Stück virulenter Anti-Impf-Propaganda. Der Großteil davon besteht darin, das ABC der Immunologie zu erklären, von dem vieles nicht umstritten ist. Wie der Autor Julius Ruechel sagt: „Was ich hier dargelegt habe, ist ziemlich grundlegendes Wissen über Virologie und Immunologie.“ Aber jeder Punkt ist mit einem ideologischen Anti-Impf-Schnörkel verziert. Sie in ihrer Gesamtheit zu zerlegen, wäre eine erdrückende Aufgabe, aber ich werde versuchen, ihr Wesen kurz zu enthüllen.

Seine „linken“ Argumente gegen Impfungen laufen größtenteils auf diese Beweiskette hinaus:

Hier ist ein kleines Beispiel dafür, wie der fragliche Blogartikel diese Position ausdrückt:

„In den Augen profithungriger Pharmaunternehmen und budgethungriger nationaler und internationaler Gesundheitsinstitutionen muss dieses Virus wie Manna vom Himmel erscheinen.“

„Was, wenn Zero-Covid und die „Corona-Ende durch Impfung“-Strategie lediglich das weltweit staatlich sanktionierte Äquivalent eines Drogendealers sind, der seine Kunden abhängig macht, um immer mehr Medikamente zu verkaufen?“

„Die heilige Dreifaltigkeit von Pharmaunternehmen, Gesundheitswesen und internationalen Gesundheitsorganisationen, die sich alle gegenseitig in ihrem Hunger nach gesicherten Geldströmen anstacheln: Aktionärsgewinne, größere Budgets und staatliche Fördermittel.“

Die Anklage gegen das Gesundheitswesen wird so zusammengefasst:

„Die Gegenposition ist klar. Es ist an der Zeit, all unsere Kraft darauf zu konzentrieren, diesen außer Kontrolle geratenen Zug zu stoppen, bevor er uns unumkehrbar über die Klippe in einen Polizeistaat stürzt. Steht auf. Sprecht es aus. Weigert Euch, mitzuspielen. Dies zu stoppen, erfordert Millionen von Stimmen mit dem Mut, NEIN zu sagen – bei der Arbeit, zu Hause, in der Schule, in der Kirche und auf der Straße.“

Und er untermauert diese Klarstellung, indem er zynisch Martin Luther King über die Notwendigkeit zitiert, den Behörden mit zivilem Ungehorsam entgegenzutreten.

Was ist nun falsch an dieser Behauptung? Ich habe große Pharmakonzerne und die tief verwurzelte Korruption ihrer profitorientierten wissenschaftlichen Praxis immer entschieden verurteilt. Ich habe sie in meinem jüngsten Buch The Tragedy of American Science (Haymarket Books, 2020) als „Wissenschaft im privaten Unternehmensinteresse“ verdammt, als Gegenteil des Ideals der „Wissenschaft im öffentlichen Interesse“. Wie kann es also sein, dass private Unternehmenslabore nicht einen, nicht zwei, sondern eine ganze Reihe sicherer und wirksamer Impfstoffe entwickelt haben, die das Potenzial haben, die alptraumhafte Seuche unter Kontrolle zu bringen?

Die Prämisse der Argumentationskette, dass die großen Pharmakonzerne vom Profitstreben korrumpiert sind, rechtfertigt nicht die Schlussfolgerung, dass deren Produkte betrügerisch sein müssen. Weltweit haben die Konzerne die Fähigkeit bewiesen, bemerkenswerte wissenschaftliche Leistungen zu erbringen, wenn sie es wollen. Aber da ist der Haken: Sie müssen es wollen. Und das Einzige, was sie zum Wollen bringen kann, ist die Aussicht auf materielle Belohnungen in Form von extragroßen Gewinnen.

Impfquoten weltweit: Kuba auf Platz 3

Grafik: Mathieu, E., Ritchie, H., Ortiz-Ospina, E. et al. A global database of COVID-19 vaccinations. Nat Hum Behav (2021)

 

Das war der Gedanke bei der „Operation Warp Speed“ der Trump-Regierung. Milliarden von Dollar wurden an Big-Pharma-Elite-Unternehmen wie Pfizer und Johnson & Johnson sowie an Risikokapital -Startups wie Moderna, Vaxart und Novavax ausgezahlt, die noch nie zuvor einen Impfstoff auf den Markt gebracht hatten. Das Programm wurde als wissenschaftlicher „Wettlauf von konkurrierenden Forschungslabors um einen Impfstoff“ gepriesen, aber tatsächlich war es ein spekulativer Rausch unter konkurrierenden Hedgefonds.

Es bedurfte einer massiven Infusion von Steuergeldern – öffentliche Mittel, kein privates Kapital –, um Anreize für die Forschung und Entwicklung mehrerer brauchbarer Impfstoffe zu schaffen. Aber private Investoren, die kein finanzielles Risiko trugen, durften die finanziellen Vorteile ernten, deren Ausmaß bewusst vor der Öffentlichkeit verborgen wurde, indem den „Warp-Speed“-Profiteuren erlaubt wurde, die üblichen Vergaberichtlinien des Bundes und die behördliche Aufsicht zu umgehen. Selbst eine teilweise Bilanzierung zeigt, dass Moderna und Pfizer für 2021 und 2022 garantierte Covid-Impfstoffverkäufe von mehr als 60 Milliarden US-Dollar erzielt haben. Darüber hinaus prognostizieren Analysten einen zukünftigen Markt von 5 Milliarden US-Dollar jährlich oder mehr.

Der Punkt ist, dass trotz alledem die Profitgier der Pharmafirmen die Früchte ihrer Wissenschaft nicht entkräftet.

Die wesentliche Lehre der „Operation Warp Speed“ bestand nicht darin, dass die Impfstoffe und die damit verbundenen öffentlichen Gesundheitsprogramme betrügerisch waren, sondern dass es keinen materiellen Grund gab, all dieses Geld durch private Unternehmen zu schleusen. Die Regierungen von Trump und Biden haben es privaten Investoren ermöglicht, die Impfstoffforschung und -produktion zu organisieren und zu kontrollieren und sagenhaft reich zu werden, indem sie alle Gewinne für sich selbst einstecken. Der rationale und gerechte Ansatz wäre gewesen, private Investitionen vollständig aus dem Bild zu streichen, indem große Pharmakonzerne verstaatlicht und die Impfstoffe in öffentlich finanzierten Labors hergestellt werden.

Die bemerkenswerten Errungenschaften der kubanischen biomedizinischen Wissenschaft zeigen, wie selbst ein relativ armes Land – ohne Profitstreben – seine wissenschaftlichen und finanziellen Ressourcen mobilisieren konnte, um eine Reihe sicherer und wirksamer Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln und herzustellen. Kuba hat als erstes Land seine Bevölkerung mit eigenen Impfstoffen gegen Covid-19 geimpft. Und in scharfem Gegensatz zu der relativen Vernachlässigung der ärmeren Länder durch große Pharmakonzerne plant Kuba, seine Impfstoffe mit Argentinien, Venezuela, Mexiko, Jamaika, Vietnam, dem Iran und anderen zu teilen.

Der hier betrachtete Blogartikel versucht, seine Leser zu erschrecken, indem er eine große Verschwörung „aller Impfstoffhersteller und Gesundheitsbehörden“ postuliert und behauptet, dass „die Medien“ auch daran beteiligt seien, weil „Milliarden von Impfstoffwerbegeldern herumschwimmen“. Und nicht zu vergessen das allseits beliebte Märchen „Bill Gates, seine schwanzwedelnden Speichellecker des öffentlichen Gesundheitswesens und die Pharmakonzerne, die ihm Süßes ins Ohr flüstern“.

Autor Ruechel beschimpft „unsere Gesundheitsbehörden“ mit diesen Worten: „Man müsste ein völlig rücksichtsloser und absolut inkompetenter Idiot oder ein zynischer Bastard mit verdeckten Absichten sein“, um „uns zu zwingen, uns einer medizinischen Tyrannei zu unterwerfen, die auf obligatorischen Impfstoffen, endlosen Booster-Impfungen und Impfpässen basiert.“ Und nach all dem hat er die Chuzpe, „unseren Gesundheitsbehörden“ vorzuwerfen, „schamlos zu hyperventilieren“!

      
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Frank Prouhet und Pierre Rousset: Pandemie-Bekämpfung: Erfahrungen in Asien und Europa, die internationale Nr. 4/2021 (Juli/August 2021) (Online-Vorabdruck)
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Wie ich gezeigt habe, gibt es berechtigte ernsthafte Kritik an den großen Pharmakonzernen und den öffentlichen Gesundheitsbehörden der USA, aber die entscheidende Bedeutung der weltweiten Covid-Impfprogramme wird nur von Schurken und Demagogen bestritten. Was seine Kritik an „den Medien“ angeht, lässt unser Ersatz-Querdenker die vielen seriösen Investigativ-Journalisten völlig außer Acht, die täglich die Aktivitäten der großen Pharmakonzerne und der staatlichen Verwaltung unerbittlich hinterfragen.

Obwohl ich diesen Blogartikel als Beispiel für linke Propaganda gegen Impfungen bezeichnet habe, ist eine Einschränkung erforderlich. Die irrige Kritik an den großen Pharmakonzernen ist nur eine angeblich linke Position; Die ihr zugrundeliegende ideologische Inspiration ist solider rechter Herkunft. Denn so benennt Ruechel selbst seine Grundprinzipien:

„Meinungsfreiheit, individuelle Rechte, Privatbesitz, individuelles Eigentum, Wettbewerb, respektvolle Diskussionen, minimaler staatlicher Einfluss, minimale Steuern, begrenzte Regulierung und freie Märkte (das Gegenteil des Klientelkapitalismus, unter dem wir jetzt leiden) – das ist die Gewaltenteilung, die eine Gesellschaft sicher macht gegen die seelenlosen Scharlatane, die in aufgeblähten Regierungsinstitutionen die Leiter hinauffallen, und gegen die parasitären Betrüger, die versuchen, sich an die Zitzen der Regierung zu klammern.“

Wie ein Kollege von mir, Bob Schwarz, scharfsinnig bemerkte: „Auch wenn das eine oder andere pseudowissenschaftliche Argument in dem Artikel teilweise zutreffen mag, ist es am Ende doch nur Ultra-Liberalismus im weißen Kittel.“

Quelle: Against the Current, 21. November 2021
Übersetzung aus dem Englischen: Björn Mertens



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 1/2022 (Januar/Februar 2022) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz