Grönland/Dänemark

Grönland und die Rückkehr der imperialistischen Logik

Grönland ist nicht länger nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es ist ein Spiegel unserer Zeit, in der das Eis schmilzt und mit ihm die internationale Rechtsordnung. Während das schmelzende Eis im Norden neue Gebiete und neue Ressourcen freilegt, zeigt sich auch die nackte Natur des Imperialismus.

Alex Fuentes

Donald Trumps hartnäckige Besessenheit, Grönland zu annektieren, ist nicht länger eine rhetorische Idee. Sie ist jetzt ein deutliches Zeichen für einen zeitgeschichtlichen Wandel. Es geht nicht mehr nur um die Beziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Dänemark/Grönland oder um einen vorübergehenden Bruch innerhalb der NATO. Wir sind Zeugen der Rückkehr der offen territorialen Logik der US-Außenpolitik – der imperialistischen Logik, die lange Zeit mehr oder weniger verborgen war, nun aber wieder unverhohlen zum Vorschein kommt.

Als die Sowjetunion und ihre östlichen Verbündeten 1949 den RGW als wirtschaftliches Verteidigungsbündnis gründeten, schufen die Vereinigten Staaten und die Westmächte im selben Jahr die NATO. Beide Blöcke sind aus der eisigen Logik des Kalten Krieges entstanden. Die NATO behauptete, dass ihr Zweck die Selbstverteidigung sei, die im Artikel 5 der Atlantik-Charta verankert ist: ein Angriff auf einen Verbündeten würde als Angriff auf alle angesehen.

Doch während sich der RGW mit dem Zusammenbruch des „sozialistischen“ Blocks 1991 auflöste, blieb die NATO bestehen – und wurde zu einem noch stärkeren Instrument der globalen militärischen Vorherrschaft der USA. Der derzeitige Konflikt um Grönland zeigt den strukturellen Widerspruch zwischen der offiziellen Sprache der NATO der „kollektiven Verteidigung“ und ihrer realen Praxis der internationalen Kontrolle und asymmetrischen Machtausübung unter der Führung der Vereinigten Staaten.

Grönland ist zu einem Schlüsselpunkt im arktischen Machtkampf geworden. Die beschleunigte Eisschmelze aufgrund der Klimaveränderung eröffnet neue, kürzere Schifffahrtswege zwischen Atlantik und Pazifik und damit neue Handels- und Militärrouten. Gleichzeitig zeigen geologische Studien riesige Vorkommen strategischer Mineralien – Graphit, Niob, Platin –, die sowohl für die grüne Umstellung als auch für die Rüstungsindustrie notwendig sind. Die Klimakatastrophe, die durch den räuberischen Charakter der kapitalistischen Produktionsweise verursacht wird, schafft selbst neue Möglichkeiten für Ausbeutung und Militarisierung. Die Arktis hat aufgehört, eine „natürliche“ Grenze zu sein, und ist zu einem Ort der Kapitalakkumulation geworden. Wer das Polarmeer und die Arktis kontrolliert, kontrolliert die Routen; wer die Mineralien kontrolliert, kontrolliert die Produktion.


Wessen Selbstverwaltung?


Grönland ist formal ein selbstverwaltetes Gebiet unter dänischer Souveränität und beherbergt etwas mehr als 56 000 Menschen. Aber wessen Selbstverwaltung ist das eigentlich? Grönlands Geschichte ist von Anfang an kolonial. Das Gebiet wurde seit 1721 von Dänemark kolonisiert und war seit 1776 dänische Kolonie. Als Dänemark 1917 die dänischen Jungferninseln an die Vereinigten Staaten verkaufte, erkannte Washington im Gegenzug die dänischen Ansprüche auf Grönland an – ohne dass die Grönländer:innen dazu gefragt wurden. Grönland war nie Gegenstand der Selbstbestimmung des Volkes, sondern der Aktivitäten der Großmächte – dem Gespenst des Kolonialismus. Die Anerkennung des Souveränitätsanspruchs Dänemarks über Grönland durch die USA war entscheidend, als Dänemark 1933 Unterstützung beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag erhielt.

Die US-Militärstützpunkte auf der Insel, zuerst während des Zweiten Weltkriegs und später während des Kalten Krieges (insbesondere der Stützpunkt Pituffik), verwandelten Grönland in eine strategische Plattform im Nordatlantik. Als Dänemark 1946 Grönland der UNO als nicht-selbstverwaltetes Territorium meldete, war es somit eine Anerkennung einer bereits bestehenden kolonialen Beziehung, nicht der Beginn davon. Dänemark bestätigte dann in der UNO, dass Grönland eine Kolonie sei, was durch koloniale Gewalt ohne Waffen geschehen sei, weil Grönländer:innen als „unreif für die Selbstverwaltung“ dargestellt wurden. Gleichzeitig verschleierte Dänemark seine fortgesetzte koloniale Kontrolle, indem es Grönland 1953 in den dänischen Staat „eingliederte“ und von der UN-Kolonialliste strich – ohne Volksabstimmung, ohne Selbstbestimmung. Das war keine „Entkolonialisierung ohne Umklassifizierung“ – ein formales Verwaltungsmanöver, das die Machtordnung aufrechterhielt, aber die Sprache änderte. Sicher ohne Krieg, aber mit kolonialem Zwang: durch Zwangsassimilation und strategische Überlegungen im Kalten Krieg.

Wenn Trump sagt, dass die Vereinigten Staaten „Grönland aus Sicherheitsgründen brauchen“, trotz der Ablehnung der Grönländer:innen und des europäischen Widerstands, verstößt er nicht gegen diese Logik – er entlarvt sie. Die offene Bedrohung eines Territoriums unter der Souveränität eines Verbündeten ist eine Verletzung der gesamten internationalen Rechtsordnung der Nachkriegszeit.


Zurück im 19. Jahrhundert


In der Praxis läuft Trumps Haltung auf eine Normalisierung der imperialen Methoden des 19. Jahrhunderts hinaus: Drohungen, Erpressung, wirtschaftlicher Druck (wie Zolldrohungen gegen Dänemark) und militärischer Druck. Die Großmacht, die sich als Hüterin der Demokratie darstellt, kehrt zur Sprache der alten Kolonialmächte zurück: Recht ist, was der Stärkste entscheidet.

Wenn Grönlands Ministerpräsident Jens-Frederik Nielsen erklärt: „Grönland wird nicht im Besitz oder unter der Kontrolle der Vereinigten Staaten sein“, ist das an sich schon Ausdruck einer tragischen Realität. Denn Grönland ist – nach wie vor – durch koloniale Bindungen im Besitz. Es ist nur der Besitzer, der riskiert, ausgetauscht zu werden. Trump antwortet á la Trump: „Ich weiß nicht, wer er (Jens-Frederik Nielsen) ist, aber das ist sein Problem.“

Die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen hat gesagt, dass ein US-Angriff auf Grönland das Ende der NATO bedeuten würde. Wahrscheinlich hat sie recht. Wenn die Führungsmacht der Allianz militärischen Zwang gegen ein formell alliiertes Territorium einsetzt, verliert die gesamte Allianz ihre Legitimität. Trotz der stotternden Rhetorik der überraschten EU-Staats- und Regierungschefs ist nicht auszuschließen, dass Trump bekommt, was er will, und das würde eine tiefe Wunde für die NATO bedeuten. Es ist nicht auszuschließen, dass die NATO Trumps staatsstreichähnlichem Vorgehen nachgibt.

Die Krise um Grönland offenbart den geschwächten Zustand der NATO, in dem eine kollektive Verteidigungsklausel bedeutungslos geworden ist. Für die Grönländer:innen ist die imperialistische Bedrohung keine Abstraktion; es ist eine sehr greifbare Realität, und das gleiche gilt für die NATO, die verwirrt darüber zu sein scheint, wie man den Allmächtigen aufhalten kann. Dies hat die dänische Premierministerin Mette Frederiksen dazu veranlasst, verzweifelt zu erklären, dass ihre Truppen im Falle einer Aggression mit sofortigem Feuer reagieren werden.

Absurderweise würden wir uns mit den Amerikanern im Krieg befinden, sagt Rasmus Jarlov, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses des dänischen Parlaments. „Man kann nicht einfach andere Länder angreifen und deren Territorium übernehmen und dann denken, dass alles wie gewohnt weitergeht.“

      
Mehr dazu
Per Clausen: Trump bedroht uns alle - und das können wir dagegen tun, Links bewegt (20.01.2026)
Trine Pertou Mach, Pelle Dragsted: Steht Grönland vor der Annexion?, Rosa-Luxemburg-Stiftung (12.01.2026)
Luis Bonilla-Molina: Die trumpistische Rekolonialisierung und der bevorstehende Widerstand, die internationale Nr. 1/2026 (Januar/Februar 2026) (nur online). Auch bei intersoz.org.
Stefan Godau: Grönland: Für das vollständige Recht auf Lostrennung, Sozialistische Zeitung (01.05.2025)
Vorstand der SAP Dänemark: Für eine freie und entmilitarisierte Arktis -Verteidigung der Unabhängigkeit Grönlands -Verteidigung der grönländischen Bevölkerung und Natur, intersoz.org (23.02.2025)
Christian Juhl: Sozialistischer Lawinensieg auf Grönland, die internationale Nr. 3/2021 (Mai/Juni 2021) (nur online).
 

Ihr müsst einfach eure Sinne schärfen und verstehen, was all die kolonisierten Völker bisher durchgemacht haben. Oder warum nicht die Palästinenser fragen, was mit den ihnen geraubten Gebieten passiert ist? Schließlich liegt es in der Natur des Kolonialismus und Imperialismus.

Die Unterstützung Dänemarks durch Macron, Starmer und Merz – die Führer Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands – zeigt immer noch die größte Ohnmacht. Keiner von ihnen ist bereit, sich Washington militärisch entgegenzustellen, egal wie viel sie über die „europäische Unabhängigkeit“ reden.


Nicht nur das Eis schmilzt


Die Frage ist nicht mehr Trump selbst, sondern die imperiale Logik, die er vorantreibt und die das System zulässt. Das Handeln der USA in der Arktis und in Lateinamerika – einschließlich des russischen in der Ukraine – spiegeln die gleiche Entwicklung wider: eine Welt, in der Souveränität kein Recht mehr ist, sondern eine Ressource im Kräfteverhältnis.

Grönland ist nicht länger nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Es ist ein Spiegel unserer Zeit – in der das Eis schmilzt und gleichzeitig auch die internationale Rechtsordnung. Die Lehre ist klar: Der Kapitalismus kann ohne Expansion nicht existieren. Während das schmelzende Eis im Norden neue Gebiete und neue Ressourcen freilegt, zeigt sich auch die nackte Natur des Imperialismus. Es sind nicht nur die Gletscher, die schmelzen. Es ist die Nachkriegsweltordnung selbst, die sich auflöst.

19. Januar 2026
Quelle: Grönland och den imperialistiska logikens återkomst, Internationalen, Übersetzung: Björn Mertens



Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von die internationale Nr. 1/2026 (Januar/Februar 2026) (nur online). | Startseite | Impressum | Datenschutz