Ernest Mandel

Über das Werk von Ernest Mandel sinnvoll diskutieren!

Die in die internationale Nr. 6/2020 (November/Dezember 2020) erschienene kritische Auseinandersetzung mit meinem Beitrag zum Werk von Ernest Mandel ist zu begrüßen, weil eine Debatte über die theoretische Hinterlassenschaft dieses herausragenden Mitglieds unserer Vierten Internationale sehr willkommen ist. Am Schluss dieser Antwort werde ich einen Vorschlag dazu machen, wie diese Debatte fortgesetzt werden sollte.

Manuel Kellner

Leider bietet die Kritik von Johann-Friedrich Anders wenig Anhaltspunkte für eine Debatte auf angemessenem Niveau. Aus den ersten zwei Absätzen seines Beitrags geht hervor, ich habe Ernest Mandels Werk mit dem Artikel in die internationale Nr. 5/2020 (September/Oktober 2020) eigentlich gar nicht gewürdigt. Es sei die Frage, ob ich seine „theoretischen Positionen zu bloßen Ansichten“ degradiere.

 

Ernest Mandel (1970)
(Foto: Eric Koch / Anefo)

Dagegen spricht zweierlei. Erstens: Ernest Mandel hatte mich 1972 in Brüssel für die Vierte Internationale gewonnen; seitdem lese ich seine Schriften; im Juni 2006 promovierte ich mit einer Werkbiographie über ihn, die seit 2009 in Buchform vorliegt; um sie zu schreiben, habe ich sieben Jahre meines Lebens aufgewendet. Doch nicht, um über „bloße Ansichten“ zu referieren? Zweitens: Buchstäblich kein einziges Mitglied unserer Vierten Internationale außer Johann-Friedrich Anders hat in meinem Beitrag zum Werk von Ernest Mandel in unserer internationalen Presse etwas anderes gesehen als eine – verhalten kritische – Würdigung seiner theoretischen Positionen.

Zur Art und Weise, wie J.-F. Anders mir Fehler ankreidet, ist sein erstes Beispiel recht aufschlussreich. So schreibt einer, der Haare in der Suppe mit der Lupe sucht. Über die „Notwendigkeit für die Arbeiterbewegung hauptamtliches Personal zu haben“ zitiert Johann-Friedrich Anders mich mit den Worten, dies sei Ernest Mandel „wohl bewusst“ gewesen. Daraus zieht er den Schluss, ich meinte wohl, Ernest Mandel sei sich „vielleicht“ dessen bewusst gewesen. Sonst hätte ich nämlich „wohlbewusst“ schreiben müssen.

Nun, ich hatte den Artikel für Inprecor in französischer Sprache geschrieben. Dort steht an der bewussten Stelle: „Ernest Mandel en était bien conscient.“ Das heißt so viel wie „Das war Ernest Mandel ganz klar.“ Die Zweideutigkeit, die mein Kritiker aus der deutschen Übersetzung herausliest, war mir bei deren Durchsicht nicht aufgefallen. Das Beispiel zeigt, dass Johann-Friedrich Anders an meinen Text mit wenig Wohlwollen herangeht. Wenn er schon mit „wohl bewusst“ statt „wohlbewusst“ Haare spalten wollte, dann wäre ihm doch zuzumuten gewesen, im französischen Original nachzusehen. Ich kann noch froh sein, dass mein Genosse Kritikus die Möglichkeit einer „Rechtschreib-Nachlässigkeit“ einräumt …

Sowohl meine Wiedergabe von wichtigen theoretischen Positionen Mandels wie auch die kritischen Fragen zur Diskussion möglicher Schwächen seiner Argumentation zum Ende des Beitrags sind naturgemäß sehr kompakt geschrieben. Das war mein Auftrag. Ich war nicht frei in Hinblick auf die Länge des Artikels. Angesichts des Reichtums der Hinterlassenschaft von Ernest Mandel und der Vielfalt der Themen, die er auf hohem Niveau behandelt hat, ist das keine leichte Aufgabe. Die Gefahr, unzulässig zu vereinfachen, ist dann immer nah. Wenn aber Johann- Friedrich Anders das in derselben Zeichenzahl besser machen kann, dann soll er es tun. Ich bin der erste, der sich darüber freuen würde. Die Art seiner Kritik an meinem Beitrag scheint allerdings von der Schwierigkeit einer solchen Aufgabe zu abstrahieren.

Die einzige ernst zu nehmende Kritik an meinem Beitrag betrifft die Erklärung der zyklischen Krisen im Kapitalismus. Einig sind wir darüber, dass in der Krise die Warenpreise verfallen und Kapital massiv entwertet wird. Meine Formulierung der Zurückführung der Warenpreise „auf ihre wirklichen Werte“ findet sich tatsächlich nicht bei Mandels Beiträgen zu den zyklischen Krisen und daher auch nicht in meiner Dissertation über Mandel. Darauf hatte mich schon Jakob Schäfer in einer privaten Mail aufmerksam gemacht. Gleichwohl hat Mandel erklärt, dass die Akteur*innen in der Marktwirtschaft erst im Nachhinein erfahren, was der wirkliche Wert der Waren ist und ob die mit ihrem Kapital verbundenen Profiterwartungen realistisch waren. So hatte das Marktgeschehen bereits in der Antike betrügerische Machenschaften bei der Prägung von Goldmünzen (die mit Blei gefüllt worden waren) zur inflationären Rückführung des Werts dieser Münzen auf ihren wirklichen Wert geführt. Im selben Sinne sind viele nominelle Werte an der Börse heute uneinlösbare Wetten auf eine Zukunft, die nie kommen wird. Solche Überlegungen, bei Mandel gelernt, hatten mich geleitet. Gleichwohl werde ich mich in Zukunft vorsichtiger ausdrücken.

      
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Irritierend ist die Behauptung von Anders, meine Ausführungen zu Mandels Kritik des „Substitutionismus“ (der „Stellvertreterpolitik“) nicht nur als Ideologie der Bürokratie, sondern auch als Versuchung für Revolutionär*innen bei geringem Niveau der Eigenaktivität der Arbeiter*innenklasse seien von Mandels großem Werk zur Bürokratie (Macht und Geld, Köln: Neuer ISP Verlag, 2000) nicht gedeckt. In dem entsprechenden Kapitel äußert sich Mandel tatsächlich nicht nur kritisch zu Lenin und Trotzki (mit Bezug auf die Maßnahmen zur Einschränkung der Rätedemokratie 1920/21 und deren theoretischer Rechtfertigung), sondern auch zu Otto Bauer, Antonio Gramsci und Rosa Luxemburg. Es ist mir völlig unerfindlich, wieso Johnny Anders das leugnet. Bitte nachlesen!

Die kategorische Zurückweisung meiner kritischen Fragen zu Mandels theoretischer Überlieferung („Optimismus“, ungebrochenes universal emanzipatorisches Potenzial der Arbeiter*innenklasse, Zusammenhang von „Kohärenz und Kohäsion“ der eigenen Organisation) irritiert mich nicht weniger.

Ich schlage vor, diese Themen auch und gerade in der internationale einzeln zu behandeln und ggf. kontrovers zu debattieren. Dies dürfte fruchtbringender sein als die Auseinandersetzung über meinen Versuch, Ernest Mandels Werk insgesamt auf ein paar Seiten kritisch zu würdigen.


Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 1/2021 (Januar/Februar 2021). | Startseite | Impressum | Datenschutz