Die Commune ist nicht tot!

Die folgende Rede hielt E. Mandel auf der Abschlusskundgebung mit mehr als 30 000 Demonstrant*innen aus dem In- und Ausland zur Hundertjahrfeier der Pariser Commune im Mai 1971 in Paris an der Mauer der Föderierten.

Ernest Mandel

Liebe Genossinnen und Genossen, die Pariser Kommune eröffnete die Ära proletarischer und sozialistischer Revolutionen. Sie bildet das erste historische Beispiel einer tatsächlichen Diktatur des Proletariats. Sie ermöglichte Marx und Lenin, die marxistische Theorie des Staates zu vervollständigen. Diejenigen, die zwei sozialistische Revolutionen in Frankreich abgewürgt haben ‒ die vom Juni ’36 und die vom Mai ’68 ‒, können nicht erhobenen Hauptes vor der Mauer der Föderierten auftreten. Es ist Sache der Revolutionäre, die unermüdlich in Frankreich und anderen Teilen der Welt für den Sieg neuer sozialistischer Revolutionen arbeiten, den hundertsten Jahrestag der Kommune zu feiern, indem sie deren Werk fortführen.

Die Pariser Kommune hat überzeugend bewiesen, dass es möglich ist, die Diktatur des Proletariats mit der breitesten Arbeiterdemokratie zu verbinden und allen Strömungen der Arbeiterbewegung Handlungsfreiheit zu gewährleisten. Diejenigen, die gerade den letzten Rest von Arbeiterdemokratie in der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik im Keim erstickt haben, diejenigen, die den arbeitenden Massen Osteuropas jegliche Freiheit gewerkschaftlicher und politischer Aktion verweigern, diejenigen, die unsere Genossen Kuroń und Modzelewski im Gefängnis halten, obwohl der phantastische Massenaufstand der Arbeiter in den baltischen Häfen ihre Analyse bestätigt und ihr Aktionsprogramm weitgehend aufgegriffen hat, diejenigen, die das Monopol der Machtausübung in den Händen einer materiell privilegierten Bürokratie rechtfertigen, können nicht erhobenen Hauptes vor der Mauer der Föderierten auftreten. Dies steht nur den Revolutionären zu, also jenen, die für einen Staat kämpfen, der von demokratisch gewählten Arbeiterräten geführt wird, wie es die Kommune war, die für einen Staat kämpfen, in welchem kein Beamter ein höheres Gehalt als das eines Facharbeiters erhält. Nur den Revolutionären, die das Vorhaben der Commune weiterverfolgen, steht es zu, den hundertsten Jahrestag der Kommune zu feiern.

Die Pariser Kommune leitete trotz der kurzen ihr zur Verfügung stehenden Zeit und trotz der Zaghaftigkeit, die ihre proudhonistischen Führer gegenüber der Bank von Frankreich an den Tag legten, die Ära der Enteignung der Enteigner ein, indem sie die Vergesellschaftung der von ihren Bossen zurückgelassenen Fabriken verfügte und ein Regime der Arbeiterselbstverwaltung einführte. Übrigens hatte Eugène Varlin, der Führer der Ersten Internationale in Frankreich, schon 1870 dieses Regime in einem prophetischen Artikel über die von ihm vorhergesehene Revolution folgendermaßen beschrieben: „Um sich durchzusetzen, darf die kommende Revolution nicht bei einem einfachen Wechsel des Regierungsetiketts und einigen Detailreformen stehen bleiben … Die Gesellschaft kann nicht länger die Verfügung über den öffentlichen Reichtum, der das Produkt kollektiver Arbeit ist, der Willkür der durch Geburt oder wirtschaftlichen Erfolg Privilegierten überlassen. Der Reichtum darf nur zum Nutzen der Gemeinschaft verwendet werden.“ (Les Sociétés ouvrières, La Marseillaise, 11. März 1870).

Die Pariser Kommune eröffnete ein neues Kapitel in der Tradition des proletarischen Internationalismus, trotz ihres jakobinisch-nationalen Ursprungs. Sie lieferte damit ein erstes Beispiel für einen Prozess der permanenten Revolution. Wir wissen, dass sie als Flagge die rote Fahne gewählt hat, die der weltumspannenden Republik der Arbeit. Einigermaßen bekannt ist die ruhmreiche Rolle, die ausländische Revolutionäre wie Fraenkel und Dombrowski darin spielten. Weniger bekannt ist, dass 65 Jahre vor der spanischen Revolution von 1936 die Commune die Tradition der internationalen proletarischen Brigaden begründete, indem sie eine belgische Brigade und eine französisch-amerikanische Brigade schuf. In ihren Reihen kämpften mehrere Tausend Revolutionäre und ausländische Arbeiter, denn die Versailler verhafteten während der Kämpfe mehr als 1700 sogenannte „Ausländer“.

 

Barrikade auf dem Boulevard Voltaire (1871)

Die Kühnheit der Pariser Arbeiter war insofern beachtenswert, als die grundlegenden Probleme, die sie im März 1871 aufdeckten, bis heute nicht gelöst sind. Wir kennen den Hauptgrund dafür. Er liegt weder in der Unreife der objektiven Bedingungen noch im mangelnden Kampfgeist der Massen. Der Hauptgrund liegt im Fehlen einer angemessenen revolutionären Organisation. Eine solche Organisation ist unabdingbar, um die enormen spontanen Energien der Arbeitermassen mit all ihrer unvermeidlichen und heilsamen Vielfalt auf ein entscheidendes zentrales Ziel zu konzentrieren: den Sturz der bürgerlichen Staatsmacht; die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln; die Schaffung der demokratischen Macht der Arbeiter, die ihre eigene Wirtschaft und ihren eigenen Staat verwalten.

Im Gefolge der Kommunarden haben sich die sozialistische Revolution vom Oktober 1917 in Russland und die Kommunistische Internationale zur Zeit Lenins und Trotzkis um die Erfüllung dieser Aufgaben bemüht. Die Vierte Internationale hat diese Arbeit aufgegriffen. Sie verkörpert und führt diese Tradition fort. Natürlich ist sie noch schwach, sie ist nur ein erster Kern der künftigen revolutionären Masseninternationale, des künftigen Hauptquartiers der Weltrevolution. Aber sie existiert, sie lebt, sie kämpft auf fünf Kontinenten, in mehr als vierzig Ländern.

Dass sie mit Abertausenden gut organisierter, kampferprobter Kader bereits stark ist, daran kann nach der heutigen Demonstration niemand mehr zweifeln. Es ist besonders wichtig zu verstehen, dass sie seit einigen Jahren eine wirkliche Wandlung durchgemacht hat. Aus einem Kern, der aufgrund seiner zahlenmäßigen Schwäche größtenteils darauf beschränkt war, Propagandatätigkeiten durchzuführen und das Programm an die neuen Generationen weiterzugeben, wurde eine revolutionäre Vorhut, die bereits in der Lage ist, Initiativen zu ergreifen, Massen mitzureißen und den Lauf der Dinge zu beeinflussen.

In der Streikwelle, die seit Mai ’68 über Europa schwappt, verfolgen die Sektionen und Mitglieder der Vierten Internationale von Grund auf ein dreifaches Ziel:

Diese ganze Tätigkeit der Vierten Internationale hat aufgehört, eine Tätigkeit zu sein, die sich auf die Herausgabe von Zeitungen und Flugblättern beschränkt. Ich erkenne hier in der Menge unsere Genossen, die die Wahl von Streikkomitees bei Paillard in der französischsprachigen Schweiz initiiert haben, also während des ersten wichtigen Streiks in diesem Land seit mehr als dreißig Jahren. Ich erkenne die belgischen Genossen, die die Wahl des Streikkomitees in der [Zink-] Fabrik Vieille-Montagne, in Balen-Wezel bei Antwerpen, angeregt haben. Ich erkenne die französischen Genossinnen und Genossen, die sich für solche Erfahrungen in den Arbeiterkämpfen eingesetzt haben. Ich sehe die Genossen, die zu den Initiatoren der Wahl von Betriebsräten im Fiat-Werk in Turin gehörten, dem Ausgangspunkt der in der großen italienischen Industrie so wichtigen Betriebsrätebewegung.

Demonstration 1971, Foto: l'Humanité

 

Ich sehe in der Menge die deutschen Genossinnen und Genossen, die eine führende Rolle bei der Organisierung einer großen Lehrlingsbewegung spielen, die es den jungen Arbeiterinnen und Arbeitern ihres Landes ermöglicht, ihre eigenen Forderungen zu bestimmen und ihre eigene Kraft innerhalb der Gewerkschaften zur Geltung zu bringen. Ich sehe die luxemburgischen Genossinnen und Genossen, die eine führende Rolle bei der jüngsten Mobilisierung von Gymnasiasten in ihrem Land gegen die Repression gespielt haben.

Ich sehe die britischen Genossinnen und Genossen, die eine beispielhafte Rolle bei der Organisierung der Solidarität mit allen Opfern ihrer eigenen imperialistischen Bourgeoisie spielen, den irischen, ceylonesischen, pakistanischen, arabischen. Ich erkenne die französischen Genossinnen und Genossen, die neben ihren vielfältigen kämpferischen Aktivitäten die wahre kommunistische Tradition durch ihre antimilitaristische Kampagne und ihre kühnen Aktionen gegen die Bestrebungen, eine faschistische Bewegung zu rekonstituieren, haben aufleben lassen.

Und dann gibt es all jene, die aufgrund materieller Probleme oder Repressionen daran gehindert werden, heute bei uns zu sein, die aber nichtsdestotrotz den internationalen Aufstieg der trotzkistischen Bewegung belegen. Da sind unsere Genossinnen und Genossen in den USA, die die gewaltige Anti-Kriegs-Mobilisierung vom 24. April angestoßen haben, die 800 000 Demonstrantinnen und Demonstranten auf die Straße brachte, die riefen: „Zieht die US-Truppen sofort und bedingungslos aus Indochina ab!“ Es gibt unsere Genossinnen und Genossen in Ceylon [Sri Lanka], die danach streben, die verstreuten revolutionären Kräfte der Insel, die aufständische Landjugend, das Proletariat der Städte und das Proletariat der Plantagen, zu einem einzigen Block zu vereinen. Es gibt unsere Genossen in Indien, die die emanzipatorische Mobilisierung der am schlimmsten Ausgebeuteten dieser Erde in Angriff genommen haben: die armen Pariabauern Bengalens, die jetzt damit beginnen, das Land der Reichen zu besetzen und sich zu organisieren. Es gibt unsere Genossen in Bolivien, die bereits in den Gewerkschaften einflussreich sind und die sich zunehmend in der neuen Bauernbewegung und der Studierendenbewegung verankern, um die Massen ihres Landes auf den bewaffneten Kampf zur Machtergreifung vorzubereiten. Es gibt unsere Genossinnen und Genossen in Argentinien, die eine großartige Seite des revolutionären Wagemuts innerhalb der aufständischen Arbeitermassen von Cordoba geschrieben haben. Da sind unsere griechischen Genossen, die in den Lagern und Gefängnissen die „Unbeugsamen“ sind, die von der Militärdiktatur nicht freigelassen werden und die sich gleichzeitig gegen den Terror zur Wehr setzen müssen, den die stalinistischen Schergen gegen sie ausüben. Es gibt unsere spanischen Genossen von der Revolutionär-Kommunistischen Liga, die den Kampf für den Boykott der Wahlen zur faschistischen Gewerkschaft anfeuern, hoffentlich in Aktionseinheit mit anderen Gruppen der radikalen Linken.

Das ist die Realität der Vierten Internationale heute, einer Organisation, die noch bescheiden ist gemessen am kühnen Ziel, das sie sich gesetzt hat: den Sieg der sozialistischen Weltrevolution zu sichern. Aber eine Organisation, die bereits eine Kampforganisation ist, die zu brillanten national und international koordinierten Aktionen fähig ist.

      
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Genossinnen und Genossen, die allgemeine Krise des Kapitalismus hält an und verschärft sich. Dieses Regime, das sich längst überlebt hat, ist nicht in der Lage, einen seiner grundlegenden Widersprüche zu überwinden. Die Krise, die sich mit dem Sturz des Dollars offenbarte, ist nur der jüngste anschauliche Ausdruck der wirtschaftlichen Widersprüche, die das kapitalistische System zerreißen.

Die heldenhaften vietnamesischen Massen, die mit Hilfe der Antikriegsbewegung in den USA den US-Imperialismus in Indochina unaufhaltsam in die Niederlage treiben, haben einen anschaulichen Beweis für seine gesellschaftliche und militärische Krise geliefert. Diese Niederlage läutet neue revolutionäre Stürme in ganz Südasien ein.

Hört, hört die Fanfare, die in Indochina erklingt, ihr Versailler Herren in Djakarta, die ihr das Blut von fünfhunderttausend Kommunisten und Revolutionären an euren Händen kleben habt! Es läutet die Totenglocke eurer elenden Diktatur, sie verkündet neue indonesische Kommunen, siegreiche! Hört, hört auf die Fanfaren, die in Indochina erklingen, Henker von Karachi, Schlächter der Hafenarbeiter von Chittagong; ihr Mörder der Arbeiter, Frauen und Kinder von Dhaka. Die Bengalische Kommune wird jedes eurer Verbrechen bestrafen, ohne Gnade! Auch in Europa hat die junge revolutionäre Garde die Botschaft der vietnamesischen Revolution vernommen. Sie hat sich im Kampf gestählt. Sie schmiedet das Instrument des Sieges: die revolutionäre Partei und die revolutionäre Internationale. Sie schickt sich an, die an der Mauer der Föderierten und im Châtelet Ermordeten zu rächen, und mit ihnen Karl Liebknecht, Rosa und alle Opfer der Konterrevolution, diejenigen, die von Hitler und Franco umgebracht wurden, die Bolschewiki, die Stalin erschießen ließ. Mit der Unterstützung unseres alten Freundes, des Maulwurfs, wird sie morgen in der Erde unseres Planeten die Furche ziehen, die von der endgültig triumphierenden Pariser Kommune zur Französischen Sozialistischen Republik, zu den Sozialistischen Vereinigten Staaten von Europa, zur Weltrepublik der Arbeiterräte führen wird.

Übersetzung: Jakob S.



Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 3/2021 (Mai/Juni 2021). | Startseite | Impressum | Datenschutz