Gesundheitspolitik

Europäische Konferenz zur Verteidigung des öffentlichen Gesundheitssystems

Jan Malewski

Es gibt in den Ländern der Europäischen Union vielfache Widerstände gegen die Angriffe auf die öffentlichen Gesundheitsdienste und die öffentlichen und sozialen Systeme zu deren Finanzierung. Auch wenn sich diese Angriffe aufgrund der Unterschiedlichkeit der bestehenden Systeme der Gesundheitsversorgung unterschiedlich ausnehmen mögen, so werden sie doch von den Institutionen der Europäischen Union koordiniert; der Widerstand bleibt jedoch zersplittert. Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB), der über Mittel zu dessen Koordinierung verfügt, tut es nicht. Selbst die Informationen über die verschiedenen Wege der Welle der Privatisierungen im Gesundheitssektor erreichen nicht deren Opfer und zirkulieren bestenfalls unter SpezialistInnen.

Konfrontiert mit einer beschleunigten Privatisierung der Krankenhäuser in Polen und einer Infragestellung des Status des Personals im Gesundheitsbereich (Ersetzung der Arbeitsverträge durch kommerzielle Verträge, mit denen die Beschäftigten zu „individuellen Unternehmern“ gemacht werden), hat die Freie Gewerkschaft „August 80“ [1] die Initiative ergriffen, um AktivistInnen aus Gewerkschaften, politischen Organisationen und Verbänden zusammenzubringen, die sich in den Kämpfen zur Verteidigung des öffentlichen Gesundheitsdiensts engagieren. Am 7. und 8. Mai hat mit Unterstützung des Internationalen Instituts für Forschung und Bildung in Amsterdam eine erste europäische Konferenz zur Verteidigung des öffentlichen Gesundheitsdiensts stattgefunden. Außer Mitgliedern von „August 80“ haben daran Delegationen der polnischen Gewerkschaft der Krankenschwestern und Hebammen OZZPiP [2], von SUD Santé-Sociaux [3] aus Frankreich, der französischen Koordination der Komitees zur Verteidigung der wohnortnahen Krankenhäuser und Entbindungsheime [4], von London Health Emergency [5] und Keep our NHS public [6] aus Großbritannien, von Europa von unten [7] und des Revolutionär Sozialistischen Bundes aus Deutschland, der französischen Nouveau Parti Anticapitaliste, der Socialistiska Partiet (der schwedischen Sektion der IV. Internationale) und von People Before Profit [8] aus der Republik Irland teilgenommen.

Die Konferenz hat eine Bestandsaufnahme der Angriffe auf die öffentlichen Gesundheitssysteme und der Privatisierungen vorgenommen, deren Tempo in allen Ländern zunimmt. Ein reichhaltiger Erfahrungs­austausch setzte sich in Diskussionen über die Mittel, sich dem entgegen zu stellen, und über die erforderlichen politischen Antworten fort. Durch diese Diskussionen konnten die Informationen über die Kräfteverhältnisse in den verschiedenen Ländern zusammengetragen werden. Während zum Beispiel in Polen die neoliberale Regierung der Partei Bürgerplattform (PO) und der Partei der Landwirte (PSL), nachdem sie das Budget für die Gesundheitsversorgung gekürzt und dezentralisiert hatte, vor kurzem ein Gesetz durchgebracht hat, mit dem die defizitären Krankenhäuser gezwungen werden, sich bis Ende 2011 zu „kommerzialisieren“ oder zu privatisieren, zögert die konservativ-liberale Regierung in Großbritannien nach wie vor, eine allgemeine Privatisierung der Krankenhäuser durchzusetzen, aus Furcht vor einem Legitimitätsverlust. […]

      
Mehr dazu
Jean-Claude Laumonier: Gesundheitswesen in Frankreich, Inprekorr Nr. 1/2013 (Januar/Februar 2013).
Amsterdamer Erklärung der europäischen Konferenz zur Verteidigung des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011).
Thadeus Pato: Gesundheitssysteme in Europa – Veränderungen und Widerstand, Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011).
Jean-Claude Laumonier: Frankreich: Gegen den Sozialabbau im Gesundheitswesen!, Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011).
Jan Malewski: Polen: Gesundheitswesen im Dienst des Kapitals?, Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011).
John Lister: Großbritannien: Die Versuche zur Zerschlagung einer sozialen Einrichtung, Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011).
 

Diese Unterschiedlichkeit der Situationen und der Erfahrungen ist bei der Diskussion über die Mittel zum Erhalt des kollektiven und nichtgewinn­orientierten Charakters der Gesundheitsdienste ebenfalls zu Tage getreten: So schlagen die KollegInnen von der polnischen Freien Gewerkschaft „August 80“, um die Privatisierung zugunsten der privaten Gesundheitskonzerne zu verhindern, die Bildung von Genossenschaften der Krankenhausbeschäftigten und der Sozialkassen in den nicht versorgten Ortschaften vor, die die Krankenhäuser mit einem gemeinnützigen Status übernehmen würden. Die KollegInnen aus Großbritannien, der Republik Irland und Schweden berichteten über die Erfahrungen in ihren Ländern: Die Übertragung an Genossenschaften oder an private gemeinnützige Unternehmen ist ein Schritt zur Privatisierung gewesen! Es war möglich, die Ansätze in der Diskussion zu klären und eine allgemeine Übereinstimmung zu erreichen: Mit welchen mittel- und langfristigen Gefahren die Genossenschaften in einer von der kapitalistischen Konkurrenz dominierten Gesellschaft konfrontiert sind und welche negativen Erfahrungen man mit der (bürokratischen und korrumpierenden) staatlichen Leitung des öffentlichen Gesundheitssystems gemacht haben mag, bei der Verteidigung des öffentlichen Gesundheits­wesen muss man sich von dessen sozialen Charakter leiten lassen, je nach der Situation in den einzelnen Ländern. So gesehen steht der Ansatz der KollegInnen in Polen durchaus nicht im Gegensatz zu dem der KollegInnen in Großbritannien, Schweden oder Irland.

Die TeilnehmerInnen der Konferenz haben die Bildung einer europäischen Koordination, die Herstellung von Kontakten zu den übrigen bestehenden Netzwerken mit ähnlichen Zielen und die Zusammenarbeit mit ihnen beschlossen, um eine Ausweitung auf eine größere Zahl von Ländern und alle mit den Zielen übereinstimmenden Organisationen – Gewerkschaften, Parteien, Verbände und Bewegungen –zu erreichen. Die KollegInnen von der Freien Gewerkschaft „August 80“ und von der OZZPiP haben es übernommen, eine weitere europäische Konferenz vorzubereiten, die im Herbst 2011 in Katowice in Polen stattfinden soll.

Jan Malewski ist Redakteur der französischsprachigen Inprecor, Mitglied der Nouveau Parti Anticapitaliste und Mitglied des Exekutivbüros der IV. Internationale; er war an der Vorbereitung dieser Konferenz beteiligt.
Übersetzung aus dem Französischen: Friedrich Dorn



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 5/2011 (September/Oktober 2011). | Startseite | Impressum | Datenschutz


[1] Die Freie Gewerkschaft „August 80“ (Wolny Zwiazek Zawodowy „Sierpien 80“) ist 1992 von GewerkschafterInnen gegründet worden, die aus der Untergrund­gewerkschafts­bewegung von Solidarnosc kommen, gegen die Restauration des Kapitalismus in Polen und entschlossen waren, den Kampf zur Verteidigung der Rechte und der Interessen der Lohnabhängigen fortzuführen. Sie hat einige der größten Streiks in der jüngeren Geschichte Polens geführt (gegen die Privatisierung der Automobilfabrik FSM 1992 zugunsten von Fiat, im Stahlkomplex Huta Katowice 1994, in dem Steinkohlen­bergwerk KWK Budryk 2007/2008, den ersten Streik in polnischen Supermärkten, bei Tesco). Ein Kongress hat das Engagement der Gewerkschaft für den Aufbau der Polnischen Partei der Arbeit (PPP) beschlossen, um den Lohnabhängigen eine politische Repräsentation zu geben. Sie gibt die Wochenzeitung Kurier Zwiazkowy (Gewerkschaftskurier) heraus, von der über 20 000 Exemplare gratis verteilt werden. In ihr organisierte Bergleute haben den Schutz des Kampfs der Krankenschwestern vom 19. Juni bis 15. Juli 2007 – des „weißen Dorfs“ vor dem Sitz des Ministerpräsidenten – organisiert.

[2] Die nationale Gewerkschaft der Krankenschwestern und Hebammen (Ogolnopolski zwiazek zawodowy pielegniarek i poloznych, OZZPiP) ist 1996 als Zusammenschluss verschiedener regionaler berufsständischer Gewerkschafts­organisationen von Krankenschwestern und Hebammen gegründet worden. Sie hat 80 000 Mitglieder (von 200 000 Krankenschwestern und Hebammen in Polen) und hat im Sommer 2007 einen langen Kampf geführt (mit Hungerstreik und Besetzung des Platzes vor dem Sitz des Ministerpräsidenten, dem „weißen Dorf), damit die Beschäftigten in diesen Bereichen nicht benachteiligt werden.

[3] Die nationale Föderation SUD Santé-Sociaux (bis 1997 CRC) ist 1990 von GewerkschafterInnen gegründet worden, die 1989 nach dem Streik der Krankenschwestern aus der CFDT ausgeschlossen worden waren; in diesem Kampf waren sie zusammen mit anderen führend aktiv gewesen. SUD Santé-Sociaux war an dem Aufbau der Union syndicale Solidaires beteiligt. Sie hat 89 Gewerkschaftsgliederungen auf Ebene der Départements und 15 500 Mitglieder, die Mitgliedszahl steigt seit 1996 ständig an.

[4] Die Coordination des Comités de Défense des Hôpitaux et Maternités de Proximité ist im April 2004 auf Initiative der Komitees gegründet worden, die gegen die Schließung der Krankenhäuser in Saint-Affrique (im Süden des Département Aveyron) und in Lure-Luxeuil (Haute-Saône) kämpften. In ihr sind über 70 Gruppen und Komitees aus ganz Frankreich vertreten.

[5] London Health Emergency (in etwa: Notfall Londoner Gesundheit) ist ein 1983 gegründetes Komitee, in dem Initiativen zur Verteidigung des öffentlichen Gesundheits­systems und gegen die Schließung von Krankenhäusern zusammengeschlossen sind. Seit seiner Gründung koordiniert und führt es Mobilisierungen vor Ort und legt es Analysen der Gegenreformen im Gesundheitswesen vor. Ein führendes Mitglied, John Lister, hat einen kritischen Führer dieser Reformen in Europa, Nordamerika und Australien veröffentlicht: Health Policy Reform: Driving the Wrong Way? A Critical Guide to the Global ,Health Reform‘ Industry, Enfield: Middlesex University Press, 2005; siehe auch: NHS after 60: For Patients or Profits? London: Middlesex University Press, 2008.

[6] Keep our NHS public ist eine gemeinsame Kampagne gegen die Privatisierung des Gesundheitssystems.

[7] Europa von unten versteht sich als Netzwerk von Einzelpersonen und Organisationen; es ist aus einer Konferenz hervorgegangen, die im Juni 2004 auf Initiative der bundesweiten EU-Arbeitsgruppe von Attac in Berlin stattfand.

[8] People Before Profit ist 2005 von Aktiven aus verschiedenen örtlichen Kampagnen gegründet worden, darin sind verschiedene Organisationen vertreten, darunter die irische Socialist Workers Party (die der International Socialist Tendency angehört), die Community & Workers Action Group und Mitglieder der Campaign for an Independent Left. Zu seinen Forderungen gehört an erster Stelle die nach einem kostenlosen und qualitätsvollen Gesundheitsdienst für alle.