Zum Fünfzigsten Todestag:

Vere Gordon Childe, Archäologe - Marxist - Revolutionär

Vere Gordon Childe gilt als einer der bedeutendsten Archäologen des 20. Jahrhunderts. Er war derjenige, der „das Studium der Vorgeschichte vom amateurhaften Antiquitätensammeln zur sozialen Wissenschaft erhob“. Dass Childe Marxist und Revolutionär war, wird dabei häufig ignoriert. In der Linken ist er weitgehend unbekannt. Daher soll sein fünfzigster Todestag zum Anlass genommen werden, hier an ihn zu erinnern.

Bernhard Brosius

Vere Gordon Childe wird im Jahre 1892 im australischen Sydney geboren. In der Schule begeistert er sich für die Antike und lernt Latein, Altgriechisch und Hebräisch. Während seines Philosophiestudiums an der Universität Sydney von 1911 bis 1914 lernt er Deutsch, um Kants „Kritik der reinen Vernunft“ im Original lesen zu können, aber er findet in diesem Buch keine Antworten auf die Fragen, die ihn bewegen. Mit Begeisterung hingegen liest er die Werke von Hegel, Marx und Engels. Er schließt sich der ArbeiterInnenbewegung an, erkennt die Notwendigkeit, sich zu organisieren und wird Mitglied der ‚Industrial Workers of the World’ (IWW).

Die IWW sind eine anarcho-marxistische Organisation, welche eine starke, revolutionäre Gewerkschaft als Voraussetzung für den Sturz des Kapitalismus ansehen und die vor dem Ersten Weltkrieg in den USA, Australien und Großbritannien eine nach Millionen zählende Anhängerschaft aufweist.


In der ArbeiterInnenbewegung aktiv


1914 beendet Childe sein Studium mit Auszeichnungen und fährt nach England, um in Oxford Archäologie zu studieren. Kurz nach seiner Ankunft beginnt der Erste Weltkrieg. Als überzeugter Antimilitarist tritt er der sozialistischen ‚Fabian - Society’ bei, und er wird Mitglied der ‚No – Conscription - Fellowship’. Beide Organisationen setzen sich aktiv gegen Krieg und Wehrdienst ein. Alle seine GenossInnen werden verhaftet – Childe entgeht der Verhaftung nur, weil die britische Regierung Rücksicht auf das verbündete Australien nehmen muss. Seine sozialistischen Aktivitäten führen zu einem immer unsichereren Leben und seine Probleme nehmen von Tag zu Tag zu. 1917 flüchtet er aus England und kehrt nach Australien zurück. Der australische Geheimdienst erwartet ihn bereits…

Childe beschließt, die Archäologie aufzugeben und sich ganz der sozialistischen Politik zu widmen. Er wird Mitglied der ‚Australian Union for Democratic Control’, der es zweimal gelingt, bis zum Kriegsende die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Einsätze außerhalb Australiens zu verhindern. Childe wird mittlerweile rund um die Uhr überwacht, seine Post geöffnet und zensiert, und jeden Arbeitsplatz verliert er nach kurzer Zeit ohne Angabe von Gründen.

So nimmt er 1919 die Stelle als Privatsekretär von John Storey an. Dieser ist Vorsitzender der jungen Labour Party und wird nach dem Wahlsieg 1920 Premierminister des Bundesstaates New South Wales. Doch die Situation ist extrem instabil. Ende 1921 schickt Storey Childe nach London, damit er dort die dringend benötigte Solidaritätsarbeit aufbaut. Ein halbes Jahr nach Childes Ankunft in England stirbt Storey und die Konservativen stürzen die Labour-Regierung.

Nun sitzt Childe alleine in London, ohne Mandat, ohne Geld und ohne Job. Er schlägt sich mühsam durch mit dem Schreiben von Artikeln und als Übersetzer.

1923 bilanziert er seine politischen Erfahrungen in seinem ersten Buch: „How Labour Governs“ [Wie die Labour-Party regiert]. Es gilt bis heute als bedeutendstes Werk über die Geschichte der australischen ArbeiterInnenbewegung bis 1921. „How Labour Governs“ ist ein Augenzeugenbericht über die Gewerkschaftsbewegung in Australien und die Entwicklung einer Partei der ArbeiterInnenklasse, welche in einem parlamentarischen System die Macht erlangte.

Im Zentrum von Childes Aussagen steht denn auch die Ablehnung der parlamentarischen Demokratie. Das Parlament, so Childe 1923, ist eine Institution der Bourgeoisie zur Sicherung ihrer Macht und Privilegien. Für das Proletariat ist es unmöglich, über die Parlamente zum Sozialismus zu gelangen. Wenn ArbeiterInnenparteien in den Parlamenten eine gewisse Stärke erreichen, wird ihr Führungspersonal in die bourgeoisen Strukturen – und einige ihrer Privilegien – integriert. Die Führung wird die sozialistischen Ziele nicht mehr verfolgen, und die Partei degeneriert letztendlich zu einer Maschinerie zum Zwecke der Wiederwahl ihrer Führungspersönlichkeiten. Childe hebt weiterhin hervor, welche Gefahren bestehen, wenn eine Organisation die gesamte Presse der ArbeiterInnenklasse kontrolliert. Vollständige Meinungsfreiheit und ungehinderter Austausch der Gedanken sind für ihn nicht nur Grundwerte, für die er entschieden eintritt, sondern elementare Voraussetzungen für die Entfaltung einer erfolgreichen, sozialistischen Bewegung. Statt Kampf um Parlamentssitze fordert er die Ausdehnung der Souveränität der ArbeiterInnenklasse und vor allem die ArbeiterInnenselbstbestimmung in den Betrieben. Staatliche Reglementierung lehnt er als „australisches Preußentum“ ab.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass er nie der britischen KP beitritt, die später zu einem Arm des Stalinismus verkommt. Als Marxist bleibt er jedoch sein Leben lang aktiv in zahlreichen Komitees linker Organisationen und schreibt Artikel für die ArbeiterInnenpresse. Nach Australien kehrt er erst in seinem Todesjahr 1957 zurück.


Der Archäologe


1922 wächst in ihm der Entschluss, sich nun doch der prähistorischen Archäologie zuzuwenden, um mit Hilfe der marxistischen Methoden, speziell des Historischen Materialismus, die Vor- und Frühgeschichte Europas und des Nahen Ostens zu verstehen. Frucht dieser Entscheidung werden bis 1957 etwa 240 Fachartikel und 20 Bücher sein. Immer bleibt er dabei den Idealen der Aufklärung und dem Marxismus verpflichtet, und er tritt kompromisslos ein für Meinungsfreiheit und freien Austausch der Gedanken sowie gegen Militarismus und Nationalismus.

Um zur Archäologie zurückzufinden begibt sich Childe auf eine mehrjährige Reise entlang der Donau, von der Quelle bis zur Mündung. Die Mittel hierfür erwirbt er sich – man könnte sagen: ähnlich wie Marx. Ein guter Freund schickt immer wieder Geld, er schreibt Artikel und übersetzt zahlreiche Bücher. Nicht zuletzt erleichtert ihm die Inflation in den osteuropäischen Staaten die Finanzierung der Reise.

Als Sprachgenie beherrscht er die Sprachen fast aller Länder, die er bereist. Er besucht fast jedes Museum, um die Sammlungen zu sichten. Er liest die Veröffentlichungen der exotischsten Fachzeitschriften. Er besucht aktuelle Ausgrabungen und interviewt die ArchäologInnen. Zusätzlich zu diesen Erfahrungen erhält Childe durch seine Reise tiefe Einblicke in die Funktionsweise vorindustrieller Agrargesellschaften.

Die Donau, der größte, natürliche Highway durch den europäischen Kontinent, ermöglichte – bevor es Zugtiere und Wagenräder gab – den schnellsten Transport von Menschen, Gütern und Informationen, so dass in der Jungsteinzeit (Neolithikum) „die Grundlage der europäischen Zivilisation als einer individuellen Manifestation des menschlichen Geistes“ entstehen konnte. Als erstem gelingt ihm eine ganzheitliche Beschreibung der europäischen Vorgeschichte.

Childe erkennt in den jungsteinzeitlichen Donaukulturen eine egalitäre Gesellschaft von „entschiedener Friedfertigkeit“ und eine soziale Ökonomie vor der Entstehung von Grenzen, Staaten und Märkten. Und er beginnt zu schreiben. Von 1925 an erscheinen in schneller Folge seine Bücher. Alle diese Bücher sind wissenschaftliche Werke, doch die meisten sind von Anfang an gleichzeitig als Bücher für die Massen gedacht. Childe möchte den „Menschen auf der Straße“ ansprechen und ihm ermöglichen, die neuen Entdeckungen zu verstehen. Was bisher in Fachzeitschriften ein Schattendasein führte, wird nun allgemein zugänglich. Und er erreicht die Menschen! Seine Bücher erreichen Auflagen von bis zu 300 000 Exemplaren, manche werden in zwölf Sprachen übersetzt.

Was ihn in Gegensatz zur stalinistischen Auffassung des Historischen Materialismus bringt, ist seine Ablehnung der Zwangsläufigkeit und der strengen Unilinearität in der Geschichte. Geschichte ist für Childe eine Ansammlung von Möglichkeiten, eine Reihe von Chancen, zwischen verschiedenen Wegen einen auszuwählen und diesen zu gehen.


Der Antifaschist


Als 1927 in Edinburgh der Lehrstuhl für prähistorische Archäologie eingerichtet wird, ist Childe so berühmt, dass er diesen Lehrstuhl erhält. Damit ist für ihn die Zeit der Unsicherheit vorbei. Die folgenden Jahre 1928 bis 1946 sind von drei Hauptaktivitäten geprägt. Zum einen führt Childe nun zahlreiche Grabungen in Schottland durch und kann zeigen, dass sich die klassenlose Gesellschaft in der Jungsteinzeit bis zu den Orkneyinseln erstreckte. Er schreibt Bücher für die Schotten, um sie mit ihrer Vergangenheit vertraut zu machen. Die meiste Zeit jedoch verbringt er mit dem Kampf gegen die faschistische Ideologie und in der Auseinandersetzung mit der Sowjetunion.

Bereits 1933 veröffentlicht Childe im populärwissenschaftlichen Journal „History“ seine erste, massive Attacke gegen die rassistische Erklärung archäologischer Befunde. Er zeigt, dass unterschiedliche archäologische Kulturen nicht mit unterschiedlichen Rassen gleichzusetzen sind und die Unterschiede zwischen Kulturen nichts mit unterschiedlichen Völkern zu tun haben. Ab 1933 nutzt er seinen Lehrstuhl in Edinburgh für Vorlesungsreihen gegen faschistisches Gedankengut. Diese Vorlesungen werden auch veröffentlicht. Er führt aus, dass die Archäologie das Gegenteil der faschistischen Theorien beweist. Childe führt seine Angriffe gegen alle zentralen Konzepte der Nazis, zuerst gegen die Behauptungen, es gäbe „höherwertige Rassen“ und die Geschichte sei die Abfolge von „Taten großer Männer“. Er unternimmt mehrere Reisen in die USA, wo bei Ausgrabungen die gefundenen Skelette mit denselben Methoden vermessen werden, die die Nazis bei ihren „Rassebestimmungen“ verwenden. Und Childe kann beweisen, dass diese Untersuchungen überhaupt keine verwertbaren Aussagen liefern, sondern nichts sind als Zufallszahlen, deren Auswertung ein völliges Durcheinander ergibt. Offensiv geht Childe gegen die These an, es gäbe „rassische Reinheit“ oder gar, „rassische Reinheit“ sei erstrebenswert. Immer wieder kann er zeigen, dass kultureller Fortschritt nicht auf Reinheit von Rassen basiert, sondern auf Kontinuität und Offenheit, dass Fortschritt resultiert aus dem Niederbrechen der Isolation zwischen menschlichen Gruppen und dem Zusammenfassen von vielen Ideen aus vielen Kulturen: Je mehr verschiedene Kulturen sich in einer Region vermischen, umso größer ist dort die Zahl der vorhandenen Ideen. Ihr volles Potential allerdings, so präzisiert er 1936, können diese Ideen nur in Abwesenheit einer herrschenden Klasse entfalten.

Schwerpunkt seiner antifaschistischen Argumentation wird die Betonung der Diffusion, also das Weiterreichen von Errungenschaften einer Kultur an andere Kulturen. Auf diese Weise wächst das Können der Menschheit an, und genau diese akkumulierten Kenntnisse sind für Childe identisch mit Fortschritt.

Literatur:

Bruce G. Trigger, „Gordon Childe – Revolutions in Archaeology“, London 1980.

Thomas C. Patterson, „Marx´s Ghost – Conversations with Archaeologists“ Oxford 2003.

Im Internet gibt es eine Fülle von Seiten über Childe. Zwei der besten sind:

Humphrey McQueen, (1997), „Back to Cold War Overseas“, http://home.alphalink.com.au/~loge27/hist_ns/historian_v_gordon.htm Datum: 21.02.2007).

Australian Dictionary of Biography, online edition, http://www.adb.online.anu.edu.au/blogs/A070645b.htm (Datum: 21.02.2007).

Durch die große Bedeutung, die Childe der Diffusion beimisst, gerät er allerdings in direkten Gegensatz zur offiziellen Linie der KPdSU.


Reise in die SU


1935 reist Childe in die Sowjetunion. Fließend russisch spricht er schon längst. Von der Reise erhofft er sich Unterstützung in seinem Einsatz gegen die faschistische Ideologie und neue Erkenntnisse im Bereich der Archäologie in einem Land, in dem die marxschen Methoden – so glaubt Childe – bereits von Anfang an bei den Ausgrabungen angewendet werden. Doch die sowjetische Archäologie hat bereits ihre eigene Achterbahnfahrt hinter sich:

1929 werden fast alle ArchäologInnen als Reaktionäre angeklagt, weil sie „den Aufbau des Sozialismus vermeiden, indem sie in die Vergangenheit flüchten und die Hinterlassenschaften der Vergangenheit untersuchen, ohne sie in Beziehung zu setzen zu den Gesellschaften, die sie hervorbrachten“. Der Begriff „Archäologie“ wird verboten. Das, was faktisch archäologische Tätigkeit ist, fällt nun unter das „Studium der vorkapitalistischen Produktionsweisen“. Im Rahmen des Fünf-Jahres-Planes gibt die Partei eine Reihe von detaillierten Vorgaben für dieses ‚Studium’. So dürfen materielle Hinterlassenschaften nicht mehr für sich untersucht werden, sondern nur in Bezug auf die Gesellschaft, die sie produziert hat. Technologie muss generell interpretiert werden als Resultat der inneren Widersprüche einer Gesellschaft. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Abfolge weniger Stadien, die zwangsläufig aufeinander folgen. Und: Die Diffusion wird abgeschafft. Alle Ähnlichkeiten zwischen Kulturen müssen aus paralleler Entwicklung erklärt werden.

Die Folge dieser Gängelung ist, dass die Ausgrabungen zum Erliegen kommen und nur noch Texte produziert werden, oft genug reine Polemik.

Zwar erfolgt bereits mit dem nächsten Fünf-Jahres-Plan, wenige Monate bevor Childe in der Sowjetunion eintrifft, der nächste Kursschwenk. Der Begriff „Archäologie“ wird wieder erlaubt und die Diskussionen der vergangenen fünf Jahre werden als „steril“ verurteilt. Doch zahlreiche Vorgaben bleiben oder werden durch andere ersetzt.

Dennoch zieht Childe Nutzen aus seinen Kontakten zur sowjetischen Archäologie. Ohne den Diffusionismus zurückzunehmen, misst er nun auch internen Entwicklungen eine größere Bedeutung bei und beschäftigt sich stärker mit den Auswirkungen der von außen kommenden Neuerungen auf die betroffene Gesellschaft.

Zu Äußerungen der Sympathie mit der Sowjetunion mischt er deutliche Kritik. 1936 zögert er nicht, sie offen als „totalitären Staat“ zu bezeichnen, und 1944 beschreibt er die Gängelung der Forschung unter Vorgaben eines Chefideologen als „Perversion des Marxismus“. Die Bitte, ein Buch über die russische Vorgeschichte zu schreiben, schlägt er ab.


Bleibender Beitrag zur Archäologie


Zur gleichen Zeit entsteht in Westen ein extremer Diffusionismus, der versucht alles mit Diffusion zu erklären und der sich mit christlichem Fundamentalismus verbindet und die gesamte Weltgeschichte auf die Aussagen der Bibel zurückführen möchte. Und rassistische Thesen gewinnen auch in England und den USA unter dem Begriff „Eugenik“ an Einfluss.

In dieser Situation schreibt Childe seine bedeutendsten und einflussreichsten Bücher: „Man Makes Himself“ [Der Mensch erschafft sich selbst](1936) und „What Happened in History“ [Was in der Geschichte geschah](entworfen 1938, erschienen 1942). Er stellt sich gegen Rassismus, Dogmatismus und Fundamentalismus. Erneut attackiert er die Vorstellung, kultureller Fortschritt beruhe auf „angeborenen Fähigkeiten besonderer Rassen“. Den Schwerpunkt legt er auf die Beschreibung der Kreativität des freien Menschen, und er beschreibt den kulturellen Aufschwung in der neolithischen, klassenlosen Epoche der Menschheit, die freie Entfaltung der Produktivkräfte, die Ausbreitung der Ideen und die Vermischung der Menschen.

Er prägt die Begriffe „Neolithische Revolution“ für die Herausbildung der bäuerlichen Zivilisation zum Beginn der Jungsteinzeit und „Urbane Revolution“ für die Herausbildung der städtischen Zivilisation zum Beginn der Bronzezeit. Ausführlich untersucht er, wie aus der klassenlosen, neolithischen Gesellschaft die Klassengesellschaft entstand. Und er beschreibt, wie die Klassengesellschaften den Fortschritt relativieren. Produktivkräfte, Reichtümer und Wissen mehren sich, aber den Massen geht es meist schlechter als im Neolithikum, und nur in Ausnahmefällen und -zeiten kommt Fortschritt auch den Ausgebeuteten zugute. Er zeigt, wie sich die magischen Vorstellungen der Menschen in den klassenlosen Gesellschaften zu einer Vorform der Naturwissenschaft weiterentwickeln, während Religion in Klassengesellschaften nichts anderes ist als ein Teil des Machtapparates der herrschenden Klasse. Und er beschreibt, wie mit der Klassengesellschaft der Krieg in die Welt kommt.

Während des zweiten Weltkrieges schreibt Childe verstärkt für die ArbeiterInnenpresse. Auch legt Childe zunehmend Wert auf die Analyse und Anerkennung der Stellung der Frau in der Gesellschaft und im historischen Prozess und wechselt in seinen Werken zwischen der männlichen Form und der weiblichen. Letztendlich entwickelt er eine die neuen Erkenntnisse enthaltende Form des Historischen Materialismus, die sich deutlich von der stalinistischen unterscheidet.

Nach seiner Berufung zum Direktor des Institutes für Archäologie der Universität von London im Jahre 1946 nutzt er erfolgreich die Möglichkeiten, unter einer jungen Generation von ArchäologInnen für seine Ideen zu werben.

Ende der 40er Jahre erklärt schließlich die amerikanische Regierung Childe zur unerwünschten Person und verhindert weitere Reisen in die USA. Ein großer anthropologischer Kongress muss ohne ihn stattfinden.

Childe engagiert sich gegen die Anstrengungen, Deutschland erneut zu einer führenden Industrienation aufzubauen, und als 1956 der ungarische Aufstand niedergeschlagen wird, verurteilt er die Invasion der Sowjettruppen, aber er weist auch auf die Beziehungen hin zur gleichzeitigen Invasion britischer Truppen in Ägypten (Suezkrise).

Childe hat Zeit seines Lebens, vor allem wohl in seiner Jugend, unter seinem Aussehen zu leiden. Ein Kollege bringt es fertig, zu schreiben, Childe sei so hässlich, dass es schmerze, ihn anzusehen. Er heiratet nie, hat keine engen Freunde und wird allgemein als scheu beschrieben – bis hin zur Ruppigkeit. Im Laufe der Zeit findet er immer größeren Gefallen daran, zu provozieren. Trotz seiner Kritik an der Sowjetunion „würzt“ er Vorträge, die er in den dreißiger Jahren in den USA hält, mit Stalinzitaten. Zur Verleihung eines Preises erscheint er in einem froschgrünen Hemd, was durchaus als Affront begriffen wird. Er scheut sich auch nicht, entgeisterten Zuhörern zu erzählen, dass seine Hose schon 25 Jahre alt ist und immer noch hübsch aussieht.

1956 wird er pensioniert und kehrt Anfang 1957 nach Australien zurück. Er beendet sein letztes Buch und verärgert seine Landsleute, indem er in einem öffentlichen Vortrag darlegt, warum das kulturelle Niveau im Australien des 20. Jahrhunderts niedriger sei als im Irland des 10. Jahrhunderts. Immer wieder wandert er in den Blue Mountains, die er in seiner Jugend oft aufgesucht hat. So auch am 19. Oktober 1957. Er besteigt eine hohe Klippe und springt hinab. In einem Fragment, das als Abschiedsbrief verstanden werden kann, schreibt er, dass die Fähigkeit des Menschen, seinem Leben aus freien Stücken ein Ende zu setzen, ihn mehr vom Tier unterscheidet als die Zeremonien beim Begräbnis.

Childes Lebenswerk ist letztendlich die Ausarbeitung und Weiterschreibung des Historischen Materialismus. Seine Analyse kultureller Evolution ist eine eigenständige Erweiterung der marxistischen Theorie. Für die prähistorische Archäologie ist er ein Gigant, der bis heute Maßstäbe setzt und Impulse gibt.

Childe vertrat in den Zeiten des Stalinismus einen freiheitlichen und undogmatischen Marxismus. Er galt immer als unerschrockener und stets verlässlicher Genosse. Sein Leben lang kämpfte er auf seine Weise gegen die Klassengesellschaft und ihre destruktiven Konsequenzen. Er hat es nicht verdient, von uns vergessen zu werden


Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 434/435 (Januar/Februar 2008). | Startseite | Impressum | Datenschutz