400 Nummern Inprekorr

Ein Parteiorgan der besonderen Art

Thies Gleiss

Feiern wir uns ein wenig selbst. Vor 34 Jahren, am 15. Januar 1971, erschien die erste Ausgabe einer neuen deutschsprachigen Zeitschrift der Linken. Ihr Name konnte kaum sperriger sein: Inprekorr. Es war eine bewusste Anlehnung an das seinerzeit gängige Kurzwort für das Organ, das von 1921 bis 1932 im Auftrag des EKKI, des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale, herausgegeben wurde. „Inprekorr“ stand in der lustigen Abkürzungssprache der internationalen Kommunisten für „Internationale Presse- Korrespondenz“. Auch die neue Inprekorr wurde bald von der Internationale herausgegeben, vom Vereinigten Sekretariat der Vierten Internationale. Im Jahre 1971 ging die Initiative von Genossen der Sektion in Deutschland aus, später folgten Ausgaben in Englisch, Französisch und Spanisch, teilweise auch in weiteren Sprachen.

Die Inprekorr von 1971 war nichts anderes, als ihr Name beschrieb: eine Sammlung von Artikeln aus der Presse der Sektionen der Vierten Internationale, von Mitgliedern der Internationale in größeren internationalen Presseorganen oder auch – seltener – interessante Analysen zu den internationalen Klassenkämpfen aus der Presse außerhalb der Internationale. Sie wurden mit geringem Aufwand übersetzt und mit einfachsten Mitteln vervielfältigt und gebunden. Aber gerade durch diese Machart erhielt sie eine spezifische Authentizität, die sie im Zuge der – bis heute immer noch äußerst bescheidenen – Professionalisierung leider verlor.

Vierunddreißig Jahre Inprekorr, 399 Nummern, sind ein Spiegel der großen Klassenkämpfe und auch vieler Krisen, Spannungen und Niederlagen des „subjektiven Faktors“. Die Analyse der Vierten Internationale, dass der Prozess der Weltrevolution ein dialektischer Komplex der Revolution in den abhängigen Ländern, des politischen Aufstandes in den stalinistisch regierten Ländern Osteuropas und Asiens und der revolutionären Veränderung in den reichen, imperialistischen Ländern ist, fand sich in den gut 18 000 Seiten wieder: der Befreiungskampf in Vietnam; der Aufschwung der Arbeiterbewegung in Lateinamerika und die fürchterlichen Niederlagen in Chile, Argentinien, Bolivien; die revolutionären Kämpfe in den arabischen Ländern und der große Konflikt in Israel und Palästina; der Kampf gegen Apartheid und das weiße Siedlerregime in Südafrika; die Revolution gegen das Schah-Regime im Iran und die konterrevolutionäre Entwicklung des islamischen Regimes; die Solidarität bis zum Sieg der Revolution in Nicaragua; die Herausbildung und der Aufstieg der Arbeiterpartei in Brasilien bis zur Regierungsübernahme durch Lula; die Erhebung in Polen mit der Massengewerkschaft Solidarność; die Konflikte in China nach dem Tode Maos bis zur kaum noch aufzuhaltenden Wiedereinführung des Kapitalismus von heute; die Unterdrückung der politischen Opposition in der ČSSR und der DDR und immer wieder die zahllosen Streiks und Kämpfe in den reichen Ländern Europas, in Japan und in den USA.

Und die großen Themen der Weltgeschichte fanden einen spezifischen Ausdruck in Inprekorr, geschrieben von Autorinnen und Autoren, die in ihren Ländern an der vordersten Linie mitstritten und mitkämpften: die internationale Bewegung gegen die Kriegsgefahr und die vielen realen Kriege überall auf der Welt; die seit Ende der siebziger Jahre aufkommende internationale Ökologie- und Umweltschutzbewegung und – immer mal wieder (wenn auch sicher nur unzureichend) – die Auf- und Abschwünge der weltweiten Frauenbewegung für Freiheit, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit, das Entstehen der heutigen „Anti-Globalisierungsbewegung“.

Inprekorr hat natürlich die verschiedenen Projekte zur Schaffung neuer, schlagkräftigerer Formationen und Parteien der Linken begleitet und – wie wir hoffen – auch ein wenig mitgestaltet: den grandiosen Aufstieg und tiefen Fall der grünen Parteien, den kontinuierlichen Abstieg der stalinistischen Parteien aus der Tradition der 3. Internationale und Versuche, sie zu erneuern; das Entstehen von großen neuen Linksparteien wie in Brasilien, Italien, Philippinen, Australien und anderswo, und auch die zahllosen kleineren Versuche von linken Bündnissen, Einheitsfronten und Vereinigungen, ihre Kräfte zu bündeln und zu stärken: von der deutschen Vereinigten Sozialistischen Partei bis zu Respect im Britannien von heute.

Die weltpolitische Zäsur von 1989, der rasante Abtritt der stalinistischen Bürokratien von der Weltgeschichte allerdings ohne Selbstorganisation in den Betrieben, ohne antibürokratische Arbeiterrevolutionen, bedeutete auch für Inprekorr eine neue Herausforderung. Parallel zur gesamten Vierten Internationale wurden die Entwicklungen analysiert und neue politische Kräfte – als Autoren und als politische Verbündete – integriert. Die Inprekorr war für die Sektion der Vierten Internationale immer ein besonderes und besonders geliebtes Projekt. Und sie hat sich stabiler erwiesen als manche Organisationen der Internationale: Selbst als die Anhänger der Vierten Internationale in Deutschland sich in den Revolutionär Sozialistischen Bund (RSB) und die internationale sozialistische Linke (isl), beziehungsweise deren Vorläufer, spalteten, blieb die Inprekorr als gemeinsames Projekt am Leben, als Organ der IV. Internationale in deutscher Sprache, herausgegeben von RSB und isl, in Zusammenarbeit mit GenossInnen aus Österreich und der Schweiz.

Publizistisch gesehen wird es wohl kaum eine Zeitschrift in Deutschland mit einem so treuen Leserstamm geben, wie die Inprekorr ihn hat. War die Auflage immer sehr klein, zwischen 400 und gut 1 000 Exemplaren, so gibt es heute immer noch viele Leserinnen und Leser der ersten Stunde. Und selbst der Verfassungsschutz beschwert sich, wenn mal eine Ausgabe verspätet kommt, wie er eine Zeit lang auch versuchte, die Inprekorr als kostenloses Freundschaftsabo zu erhalten. So frech sind die willkommenen Leserinnen und Leser natürlich nicht. Sie schluckten alle notwendigen Preiserhöhungen und zeigten eine beispielhafte Disziplin bei der Begleichung von Rechnungen. Dafür allen Leserinnen, Lesern, Spenderinnen, Spendern und allen Freundinnen und Freunden ein herzliches Dankeschön. Wie versprechen: Wir machen weiter.


Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 400/401 (März/April 2005).