Der zeitgemäße Antifaschismus muss international sein und Widerstandsbündnisse aufbauen.
Sushovan Dhar
Die aktuelle globale Lage ist durch ein gefährliches Zusammentreffen dreier weitreichender Trends gekennzeichnet: den Aufstieg des autoritären Nationalismus – bisweilen in Form eines ausgrenzenden Ultranationalismus –, das Erstarken rechtsextremer Bewegungen und den wiederauflebenden imperialistischen Wettstreit zwischen globalen und regionalen Mächten.
Diese Entwicklungen sind keine Einzelfälle, sondern eng miteinander verknüpfte Ausprägungen einer umfassenderen Krise des globalen Kapitalismus und der politischen Legitimität.
Historisch gesehen ist der Faschismus in Zeiten tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Instabilität entstanden. Wenn sich die Ungleichheit verschärft, demokratische Institutionen geschwächt und die herrschenden Eliten in ihrer Autorität herausgefordert werden, gewinnen autoritäre und reaktionäre Kräfte oft an Boden.
In solchen Momenten werden Nationalismus, Rassismus und Militarisierung zu Instrumenten, um die Macht zu festigen und die gesellschaftliche Wut von strukturellen Ungleichheiten abzulenken.
Heute beobachten wir in verschiedenen Regionen ähnliche Muster. Die Militarisierung nimmt zu. Kriege werden zunehmend im Namen der Sicherheit, der Demokratie oder der Zivilisation gerechtfertigt. Migrant:innen werden zu Sündenböcken gemacht. Minderheiten werden verteufelt. Demokratische Institutionen werden ausgehöhlt, während die Exekutivgewalt zunehmend zentralisiert wird.
Hinter diesen Entwicklungen liegt eine tiefgreifendere strukturelle Realität verborgen: der Imperialismus.
Antifaschismus ohne Antiimperialismus bleibt unvollständig. Der Imperialismus verfestigt Hierarchien, Herrschaftsverhältnisse und Gewalt auf globaler Ebene. Er schafft eine Weltordnung, in der mächtige Staaten und multinationale Konzerne einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf schwächere Volkswirtschaften und politische Systeme ausüben.
Durch Mechanismen wie Schuldenabhängigkeit, Handelsungleichgewichte, Rohstoffabbau und politische Einmischung untergräbt der Imperialismus die Souveränität und verschärft die Ungleichheit. Ein Kampf gegen den Imperialismus ist jedoch ohne einen Kampf gegen den Kapitalismus unmöglich.
Diese Weltordnung verstärkt autoritäre Tendenzen. Wenn Gewalt auf internationaler Ebene zur Normalität wird, wird die Unterdrückung im eigenen Land einfacher. Wenn geopolitische Rivalitäten unter zivilisatorischen oder rassischen Gesichtspunkten betrachtet werden, nimmt die Fremdenfeindlichkeit in den Gesellschaften zu. Wenn wirtschaftliche Vorherrschaft weltweit akzeptiert wird, verschärft sich die Ungleichheit innerhalb der Länder.
Die heutigen geopolitischen Spannungen werden oft als Kampf zwischen konkurrierenden Blöcken und einer sich abzeichnenden „Multipolarität“ dargestellt. Viele vertreten die Ansicht, dass der Aufstieg neuer Mächte und Zusammenschlüsse wie der BRICS-Staaten eine fortschrittliche Alternative zur westlichen Vorherrschaft darstelle. Diese Annahme muss jedoch sorgfältig geprüft werden.
Multipolarität an sich bedeutet nicht zwangsläufig Emanzipation. Eine Welt mit mehreren konkurrierenden Mächten kann nach wie vor imperiale Hierarchien, geopolitische Rivalitäten, Militarisierung und wirtschaftliche Vorherrschaft hervorbringen.
Die Multipolarität mag zwar die Vorherrschaft einer einzigen Hegemonialmacht einschränken, führt jedoch nicht automatisch zu einer demokratischeren oder gerechteren Weltordnung.
In diesem Sinne mag die Multipolarität zwar Chancen für die herrschenden Eliten und staatlichen Akteure bieten, stellt jedoch nicht unbedingt eine Alternative für die Völker der Welt dar. Der Wettbewerb zwischen den Großmächten kann Militarisierung, Ressourcenkonflikte und geopolitische Spannungen verschärfen.
Ohne demokratischen Internationalismus und Solidarität zwischen den Völkern läuft die Multipolarität Gefahr, lediglich zu einer Umverteilung der Macht unter konkurrierenden Eliten zu werden.
Indien ist ein wichtiges Beispiel für diese Widersprüche. Das Land wird aufgrund seiner Mitgliedschaft in den BRICS-Staaten oft als Teil einer sich abzeichnenden multipolaren Welt dargestellt. Gleichzeitig hat Indien jedoch seine strategische Zusammenarbeit mit westlichen Militär- und Sicherheitsstrukturen vertieft, die darauf abzielen, China in Schach zu halten.
Obwohl Indien formal nicht Teil des regionalen Sicherheitsbündnisses AUKUS (Australien, United Kingdom u. United States) [d. Red.]) ist, hat es seine militärische und strategische Ausrichtung auf die Vereinigten Staaten und deren Verbündete durch Vereinbarungen wie die „Quad“, den Ausbau der Verteidigungszusammenarbeit, gemeinsame Militärübungen und strategische Technologiepartnerschaften gestärkt.
Diese doppelte Positionierung verdeutlicht die Komplexität der heutigen Geopolitik. Staaten sind gleichzeitig Mitglieder mehrerer Machtblöcke, streben nach strategischer Autonomie und verstärken dabei zugleich die Militarisierung und die geopolitischen Rivalitäten. Solche Ausrichtungen stellen nicht unbedingt eine Alternative zum Imperialismus dar, sondern spiegeln oft neue Konstellationen innerhalb desselben globalen Machtwettbewerbs wider.
Gleichzeitig ist Indien auch eines der bedeutendsten aktuellen Beispiele für den Aufstieg eines autoritären Mehrheitsnationalismus. Das derzeitige politische Regime ist eng mit der (hindu-suprematistischen) Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) verbunden, einem hundert Jahre alten ideologischen und organisatorischen Projekt, das 1925 gegründet wurde.
Die RSS ließ sich in ihren Anfangsjahren von europäischen faschistischen Bewegungen inspirieren, insbesondere von Mussolinis Italien, und später von Aspekten des Modells des kulturellen Nationalismus, der Mehrheitsidentität und der zentralisierten ideologischen Mobilisierung im nationalsozialistischen Deutschland.
Im Laufe der Jahrzehnte hat die RSS ein umfangreiches organisatorisches Netzwerk in der gesamten indischen Gesellschaft aufgebaut, das politische, Bildungs-, Kultur- und paramilitärische Strukturen umfasst. Ihr langfristiges politisches Ziel ist die Umwandlung Indiens von einer säkularen, pluralistischen Republik in einen Staat mit hinduistischer Mehrheit, der oft als „Hindu Rashtra“ [Hindu-Nation – Anm. d. Red.] bezeichnet wird.
Dieses ideologische Projekt hat in den letzten Jahren beispiellose staatliche Macht erlangt. Zu den Folgen zählen zunehmende Angriffe auf Minderheiten, insbesondere auf Muslime und Christen, Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten, Druck auf unabhängige Medien, eine Schwächung der demokratischen Institutionen sowie eine zunehmende Zentralisierung der Macht.
Gleichzeitig hat die indische Regierung ihre politischen und militärischen Beziehungen zu Israel vertieft, das in Bereichen wie Sicherheitsdoktrin, Überwachungstechnologien, Militarisierung und Mehrheitsnationalismus zunehmend als Vorbild dient. Teile der indischen extremen Rechten ziehen offen Parallelen zwischen dem Projekt eines Staates mit hinduistischer Mehrheit und dem ethnisch-nationalen Modell Israels.
Dies verdeutlicht einen allgemeineren globalen Trend: Rechtsextreme und autoritäre Bewegungen lernen zunehmend voneinander. Ideologische Rahmenkonzepte, Sicherheitsdoktrinen, Überwachungstechnologien und Methoden des Regierens werden grenzüberschreitend ausgetauscht.
Diese Entwicklungen unterstreichen einen wichtigen Punkt: Der zeitgenössische Antifaschismus muss auch international sein. Über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg stehen arbeitende Menschen vor immer ähnlicheren Aufgaben.
Prekäre Arbeitsverhältnisse, Sparmaßnahmen, Privatisierungen und steigende Lebenshaltungskosten sind weit verbreitet. Landwirte sind mit Landenteignung und Agrarkrisen konfrontiert. Indigene Gemeinschaften leisten Widerstand gegen die Rohstoffindustrie. Migrant:innen sind Kriminalisierung und Ausbeutung ausgesetzt. Frauen sind sowohl von wirtschaftlicher Marginalisierung als auch von verstärkter patriarchalischer Gewalt betroffen.
Diese Kämpfe sind miteinander verknüpft. Deshalb versuchen rechtsextreme und autoritäre Bewegungen, sie zu spalten. Migrant:innen werden für die Arbeitslosigkeit verantwortlich gemacht. Minderheiten werden als Bedrohung für die nationale Identität hingestellt. Externe Feinde werden benutzt, um die Unterdrückung im eigenen Land zu rechtfertigen.
Diese Strategien zielen darauf ab, die Unterdrückten zu spalten und die etablierten Machtstrukturen zu schützen. Solidarität unter den Völkern ist die wirksamste Antwort darauf.
Diese Solidarität darf nicht abstrakt bleiben. Sie muss durch konkrete Formen der Zusammenarbeit erreicht werden: gemeinsame Kampagnen gegen Verschuldung und Sparpolitik, Solidarität mit Migrant:innen und Geflüchteten, Widerstand gegen Militarisierung und Krieg, Verteidigung der Rechte arbeitender Menschen und Schutz demokratischer Freiheiten.
Internationalismus ist daher nicht nur eine ethische Verpflichtung. Er ist eine politische Notwendigkeit.
Die Geschichte liefert wichtige Lehren. Der stärkste Widerstand gegen den Faschismus ist aus breiten Bündnissen sozialer Kräfte hervorgegangen: Arbeiter:innen, Bäuerinnen und Bauern, Studierende, Intellektuelle und demokratische Bewegungen.
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Diese Kämpfe gingen oft über nationale Grenzen hinaus. Antikoloniale Bewegungen, Kämpfe gegen die Apartheid und die internationale Solidarität der arbeitenden Menschen haben die Kraft kollektiven Handelns über nationale Grenzen hinweg unter Beweis gestellt. Es ist heute unerlässlich, diesen Geist der Solidarität wieder aufzubauen.
In einer Welt, die von Zersplitterung und Angst geprägt ist, bietet die internationale Zusammenarbeit zwischen den Völkern eine Alternative, die auf Gleichheit und Gerechtigkeit beruht. Antiimperialismus und Antifaschismus sind keine getrennten Kämpfe, sondern miteinander verflochtene Dimensionen desselben politischen Projekts.
Die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bewegungen, die Vertiefung der internationalen Solidarität sowie der Widerstand gegen Spaltung und Autoritarismus sind dringende Aufgaben.
Die Zukunft wird nicht allein von mächtigen Staaten oder geopolitischen Rivalitäten bestimmt werden. Sie wird auch von organisierten Bevölkerungsgruppen geprägt sein, die grenzüberschreitend gemeinsam handeln.
Im Kampf gegen den erstarkenden Faschismus bleiben Antiimperialismus und Solidarität zwischen den Völkern zentrale Säulen einer demokratischen und emanzipatorischen Alternative.
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Sushovan Dhar ist ein politischer Aktivist, Autor und Gewerkschafter in Kalkutta. Er steht in enger Verbindung mit dem CADTM India.
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Dieser Artikel erschien in die internationale Nr. 5/2026 (September/Oktober 2026). | Startseite | Impressum | Datenschutz