Afghanistan

Die endlose Tragödie eines Volkes

Nach Jahrhunderten der Isolierung befand sich das im Jahre 1747 von Achmad Schah Saddozai, einem Kriegsherren aus Kandahar, vereinigte Afghanistan in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Zentrum des "großen Spiels" zwischen Großbritannien und Russland. In etwa zum gleichen Zeitpunkt wurde der Sultan in Konstantinopel gezwungen, sein Land für britische Waren zu öffnen, und das chinesische Reich musste alle Hindernisse für das Eindringen von Opium beseitigen, welches in den britischen Besitzungen in Indien und in den französischen in Indochina produziert wurde.

Antonio Moscato

Russland hatte die Khanate Khiwa, Bukara, Kokand und Samarkand noch nicht erobert, hatte aber mehrfach versucht dort einzudringen, angeblich um russische Sklaven zu befreien oder unter anderen Vorwänden; dabei profitierte es von den Konflikten zwischen diesen sehr reichen kleinen Fürstentümern. Wie immer war dieses Eindringen von Kaufleuten und ForscherInnen vorbereitet worden (in diesem Fall nicht von Missionaren, weil in der islamischen Welt die christliche Missionierung verboten war).

DAS "GROSSE SPIEL" DES 18. UND 19. JAHRHUNDERTS

Nachdem 1837 ein britischer Agent erfahren hatte, dass sich russische Emissäre beim Emir Dost Muhammad in Kabul aufhielten, schickte Großbritannien, weil es eine gemeinsame Eroberung des Landes durch ein Bündnis zwischen dem Zaren und dem Schah von Persien befürchtete, eine Expeditionstruppe von 9 500 Mann, fast alles Inder, die erst Kandahar und dann Kabul besetzten und ihre Marionette Schah Suja Saddozai als Emir einsetzten. Doch schon 1842 waren die Eindringlinge gezwungen, rasch die Flucht zu ergreifen, weil Dost Muhammad zurückkehrte.

Später, zwischen 1884 und 1886 drangen russische Truppen mit dem Ziel in Afghanistan ein, einem weiteren britischem Eindringen entgegenzuwirken. 1887 wurde zwischen den beiden Mächten ein Protokoll unterzeichnet, in dem die Einflusszonen abgegrenzt wurden. Fünf Jahre später wurde die sogenannte Mortimer-Durand-Linie (benannt nach einem britischen Oberst) festgelegt, die die afghanische Grenze im Südosten bestimmte, wobei weite, von Paschtunen bewohnte Gebiete zum indischen Reich geschlagen wurden (diese gehören heute zu Pakistan). Der Emir Abdur Rahman, der 1880 die Macht ergriffen hatte, führte einen Djihad (Kampf gegen Ungläubige und Streben nach religiöser Vollkommenheit) mit dem Ziel, alle paschtunischen Stämme zu vereinigen und die verschiedenen Minderheiten (TadschikInnen, Hazaras, UsbekInnen, TurkmenInnen, Nuristani) zu unterwerfen. Nach seinem Tod 1901 wurde das Land im Rahmen der heutigen Grenzen endgültig vereinigt. Sein Sohn Habibullah Khan unterzeichnete 1905 einen Vertrag, der Großbritannien eine diplomatische Vertretung in Afghanistan erlaubte. Russland war 1907 nach seiner Niederlage gegen Japan gezwungen, eine Konvention zu akzeptieren, in der es darauf verzichtete, Afghanistan weiterhin als seine Einflusssphäre zu betrachten. Großbritannien hingegen verpflichtete sich, nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einzugreifen. Am Hofe von Kabul bemühte sich Nasrullah, der Bruder des Emirs, das Gleichgewicht zugunsten Russlands zu verändern, während 1915 türkische und deutsche Gesandte vergeblich versuchten, ein militärisches Engagement Afghanistans gegen Großbritannien zu erreichen.

DER "FORTSCHRITTLICHE" EMIR UND DIE RUSSISCHE REVOLUTION

Im Jahre 1919 wurde der Emir Habibullah ermordet. Doch der "fortschrittliche" Klan der Mohammadzai setzte dessen Sohn Amanullah Khan als Nachfolger durch. Dieser begann seine Regierungstätigkeit mit der Verhaftung von Nasrullah und den Neffen Musahiban, die der Komplizenschaft beim Mord angeklagt wurden. Eine neuerliche Invasion des Landes durch Großbritannien, das über die Unabhängigkeitsbestrebungen von Amanullah beunruhigt war, wurde zurückgeschlagen und im Waffenstillstand die völlige Unabhängigkeit von Afghanistan anerkannt. Der Emir erklärte in einem Brief an Lenin, den "ehrenwerten Vorsitzenden der großen russischen Republik", seinen Willen, sofort diplomatische Beziehungen mit Sowjetrussland aufzunehmen. Lenin antwortete mit einem Telegramm (vom 27. Mai), worin er das afghanische Volk zu seinem Kampf gegen die "ausländischen Unterdrücker" beglückwünscht und ein gegenseitiges Beistandsabkommen gegen eventuelle Angriffe vorschlägt. Zu diesem Zeitpunkt scheinen die russisch-afghanischen Beziehungen ausgezeichnet zu sein; Lenin spielt mehrfach auf die Rolle des Emirs von Afghanistan an, einem feudalistischen Souverän, der wegen seiner Oppositionsrolle gegen den britischen Imperialismus eine positivere Rolle gespielt habe als alle Abgeordneten der Labour Partei in Großbritannien.

Am 28. Februar 1921 wurde in Moskau ein afghanisch-sowjetischer Vertrag unterzeichnet. Die beiden Länder verpflichteten sich, für die Befreiung der Völker des Ostens zu arbeiten und Russland verpflichtete sich, unter der Bedingung, dass Plebiszite stattfinden, jene Territorien an Afghanistan zurückzugeben, die im 19. Jahrhundert unter Zwang an Russland oder Buchara abgetreten worden waren. Die Eröffnung von fünf russischen Konsulaten in Afghanistan und sieben afghanischen Konsulaten im sowjetischen Asien wurde von Großbritannien als ein Deckmantel für subversive Aktivitäten gegenüber Indien aufgefasst. Doch in Wirklichkeit war von der sowjetischen Republik keinerlei Kampagne gegen Indien vorgesehen. Der Historiker Edward H. Carr sollte in seinem berühmten Buch über die Oktoberrevolution dazu folgenden Kommentar abgeben: "Was an all dem bezeichnend war, war nicht die Ausweitung der Propaganda für die Weltrevolution, sondern die Tatsache, dass Sowjetrussland die traditionelle Rolle Russlands als wichtigster Gegner Großbritanniens in Zentralasien übernahm."

Die sowjetische Haltung gegenüber Amanullah war von der Überlegung diktiert, dass, weil in diesem Land keine Arbeiterklasse existierte, es weder die Möglichkeit noch Notwendigkeit gab eine Kommunistische Partei aufzubauen. In einem Brief an den sowjetischen Geschäftsträger in Kabul schrieb Tschitscherin, der Volkskommissar für Äußeres, u.a. folgendes: "Wir haben den Afghanen gesagt, dass wir keinen Augenblick daran denken, ihrem Volk ein Gesellschaftsprojekt aufzudrängen, welches nicht seinem gegenwärtigen Entwicklungsstadium entspricht." Im übrigen ist festzustellen, dass Amanullah mit seiner eigenen Initiative im muslimischen Zentralasien mehr bewirkte als die sowjetischen Kommissare: Es begann eine Masseneinschulung in den Städten, auch für junge Mädchen; die Zwangsverheiratung der weiblichen Kinder durch die Eltern wurde abgeschafft, es wurde das Projekt einer frei gewählten Nationalversammlung ausgearbeitet, die sich nicht auf die traditionellen Stammeschefs stützte. (Dieses Projekt hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der momentan konzipierten Versammlung unter Aufsicht der USA und des Westens und schon gar nichts mit der Rückkehr des greisen König Zahir). Die Frau des Emirs hatte selbst eine Kampagne gegen den Schleier begonnen und war unverschleiert in der Öffentlichkeit aufgetreten. Doch es ist eindeutig, dass das wesentliche Ziel Moskaus die Beibehaltung der Neutralität des Landes war, welche Sicherheit an einer sehr langen Grenze garantieren sollte.

Aber die von Amanullah entwickelten Reformen genügten, um die Gegnerschaft der Mullahs und der konservativen Grundbesitzer aufzustacheln. Diese betrachteten die Beziehungen mit Moskau mit Sorgen, sowohl weil die UdSSR Hilfe für öffentliche Erziehungsprogramme gewährte, als auch weil immer mehr Flüchtlinge ins Land kamen, die vor den Zwangskollektivierungen flohen (für die Nomadenbevölkerung bedeutete diese vor allem eine zwangsweise Sesshaftmachung). Zwischen 1928 und 1932 kamen 500 000 TurkmenInnen, UsbekInnen, KasachInnen, KirgisInnen und Hazaras über die Grenze, entweder mit Hilfe von SchmugglerInnen oder aber durch Überqueren des Flusses Amu-Darja. Oft handelte es sich nicht um Großgrundbesitzer, sondern einfache BäuerInnen, denen in Gebieten, wo es eine blühende Garten- und Gemüsewirtschaft gab, mit Gewalt der Baumwollanbau beigebracht werden sollte und die sich zum Teil gegen Religionsverfolgungen gewehrt hatten.

Amanullah nahm die Flüchtlinge relativ gut auf und verteilte unbebauten Boden im Norden des Landes an sie. Aber er wurde bedroht und schließlich durch die Revolte des Tadschiken Habibullah, genannt Batscha-e-Saguao ("Sohn des Wasserträgers") gestürzt. Doch diese Revolte scheiterte schließlich vor allem wegen der im wesentlichen tadschikischen Zusammensetzung (die TadschikInnen stellen mit 15% bis 25% der Bevölkerung die wichtigste Minderheit, doch sie waren nie in der Lage, das Land zu einen). Trotzdem musste Amanullah nach Italien fliehen (wo er 1960 starb). Er wurde durch Nader Schah ersetzt, der zum Musabihan-Zweig der gleichen königlichen Familie gehörte, der aber als Konservativer eingestuft und zudem verdächtigt wurde, für den Mord an Habibullah verantwortlich gewesen zu sein. Es scheint, dass anfangs Teile des sowjetischen Apparates und der Komintern die Revolte des Batscha-Saquao durchaus günstig beurteilten, weil sie die Bewegung als bäuerliche Volksbewegung betrachteten. Doch dann kam Moskau zum Ergebnis, es handle sich um ein britisches Manöver und entschied Amanullah zu unterstützen. Schließlich gab es sich mit Nader zufrieden, mit dem 1931 ein Nichtangriffspakt geschlossen wurde, in dem sich Afghanistan verpflichtete, jede Aktivität von Flüchtlingen aus der Sowjetunion zu unterbinden. Nader wurde seinerseits 1933 von der Familie Scharki ermordet, die Amanullah unterstützt hatte. Im gleich Jahr wurde auch Naders Bruder in Berlin umgebracht.

DAS REGIME VON ZAHIR (1933-1973)

1933 wurde Zahir Schah, der sich aktuell in Rom im Exil befindet, Emir. Weil er noch sehr jung war, wurde Haschem Khan gemeinsam mit seinen Brüdern Schah Maumud und Schah Waili Khan zum Regenten ernannt. Sie errichteten eine konservative Diktatur. Doch Moskau beunruhigte sich deswegen nicht besonders: Es genügte, dass die neue Staatsmacht die Flüchtlinge kontrollierte und Afghanistan neutral blieb. Dies blieb es auch während des Zweiten Weltkriegs. Erst nach dem Tod von Haschem Khan 1946 wurde die Diktatur schwächer.

Bevölkerung

Die Bevölkerungszahl Afghanistans wird auf 20 bis 26 Millionen geschätzt. Seine Fläche beträgt 652 km².Zwischen 1980 und 1989 sind mehr als eine Million AfghanInnen als Opfer der sowjetischen Invasion ums Leben gekommen. Im selben Zeitraum haben zwischen 5 und 7 Millionen als Flüchtlinge das Land verlassen. Die meisten sind nach Pakistan und in den Iran gegangen. Der Bürgerkrieg nach Abzug der sovietischen Truppen hat zwischen 15 000 und 40 000 Opfer gefordert.
Afghanistan ist eines der am wenigsten entwickelten Länder: schätzungsweise 88% der Bevölkerung sind AnalphabetInnen, das BSP für 1997 ist auf 7,8 Milliarden US-Dollar geschätzt worden, d.h. 323 $ pro Kopf (im Vergleich: USA 1997: 7795,32 Milliarden US-Dollar BSP, d.h. 29385 $ pro Kopf - allein das Spionagebudget der USA für 1997 betrug 28,8 Milliarden US-Dollar).
Ethnisch wie sprachlich ist die Bevölkerung Afghanistans sehr breitgefächert: 40% PaschtunInnen (Sprache: paschtu-iranisch); 25% TadschikInnen (Sprache: darisch-iranisch); 15% Hazaras / Hesoren (Sprache: persisch-iranisch); 9% UsbekInnen (Turksprache: usbekisch); TurkmenInnen (Turksprache: turkmenisch): Nuristani (indoarische Sprache); BaluchInnen (baluchi-iranisch); KirgisInnen (Turksprache: kirgisisch).
Zahlreiche politische und religiöse Konflikte der Vergangenheit haben sich auf diese ethnischen Zusammenhalte gestützt.
 
Aus diesem Grund konnte im folgenden Jahr die Organisation Wik-e-Zalmayan (aufgeklärte Jugend) entstehen, die viele Sympathien gewinnen konnte, sogar in der alten Stammesversammlung, der Djirga, einer Art Scheinparlament. Aus dieser Bewegung stammen die Gründer der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA). Zahir Schah hatte noch immer wenig zu sagen und die konservativen Elemente wählten einen "starken Mann", Mohammad Daud, den früheren Chef der Polizei und Garnison von Kabul und Innenminister, zum Regierungschef. 25 Mitglieder der Wik-e-Zalmayan wurden verhaftet und die ersten Zeitungen, die mit der geringen Auflage von 1 500 Stück erschienen, wurden verboten.

Das hinderte die USA in ihrem antikommunistischen Eifer jedoch nicht daran, Pakistan massiv zu bewaffnen und Afghanistan zu drängen, sich dem Bagdad-Pakt (CENTO) anzuschließen. Dies drängte den konservativen Neutralisten Daud zu einer Annäherung an die Sowjetunion, die 1955 ohne Bedingungen einen Kredit über 25 Mio. Dollar und kostenlose Hilfe bei der Ausbildung von Militärs, vor allem Piloten, anbot.

1963 führte ein brutaler Versuch, neuerlich die Oberhoheit der Paschtunen über die anderen Ethnien herzustellen, zum Sturz von Daud. Schließlich übernahm König Zahir, dreißig Jahre nach seiner Ernennung und zehn Jahre, bevor er von jenem Daud wieder abgesetzt wurde, die volle Regierungsgewalt.

Im neuen Rahmen einer konstitutionellen Monarchie, wobei die Verfassung von Daud ausgearbeitet worden war, fanden 1965 freie Wahlen statt. Die PVPA nahm daran teil und erklärte sich zur Kommunistischen Partei; sie erhielt 4 der 216 Sitze. Die meisten Abgeordneten waren alte Mullahs und Stammeschefs, zumeist halbe Analphabeten. Die PVPA war klein und es fehlte ihr eine Basis im Volk. Doch sie konnte vor allem unter den in der Sowjetunion ausgebildeten Offizieren, in der Verwaltung, unter den GymnasiastInnen in Kabul (wo auch maoistische Kerne entstanden) und an der Universität (die vom König, der heute als großer Demokrat hingestellt wird, auf unbestimmte Zeit geschlossen worden war) auf Unterstützung bauen. Außerdem war die PVPA in zwei Fraktionen geteilt, die den Namen ihrer jeweiligen Publikationen annahmen, Khalq (Volk), deren bekanntester Vertreter Nur Mohammad Taraki ist, und Parcham (Fahne), geführt von Babrak Karmal, die gemäßigtere Fraktion, die besonders darauf abzielte ihre Macht in der Gesellschaft zu verstärken. Die beiden Fraktionen bekämpften sich häufig sogar mit Waffengewalt und schließlich machten ihre Konflikte die Intervention der Sowjetunion zugleich nötig und aussichtslos.

DER STAATSSTREICH VON DAUD

Nachdem er 1963 an den Rand gedrängt worden war, stützte sich Daud nun auf den Parcham-Flügel, um seine Revanche vorzubereiten. Der Parcham-Gruppe, die sicherlich keine leninistische Partei aufbauen wollte (in ihrem Verständnis also eine stalinistische Partei) war es nun durch ein Projekt einer breiten nationalen und demokratischen Front gelungen wichtige Teile der Armee zu gewinnen. Die Militärs waren zu 80 Prozent Paschtunen, sie gehörten also derselben Ethnie an wie die Führer der Parcham (die sogar aus den wohlhabenderen Schichten jener Ethnie stammten).

Statt jedoch die Minderheiten zu respektieren und an ihrer Integration zu arbeiten, nährte sich die Parcham vom Traum eines Groß-Afghanistan, das aus der Verbindung mit den paschtunischen Regionen in Pakistan entstehen sollte. Die Khalq, die eine pluriethnische Zusammensetzung hatte und eher kleinbürgerlich war, trat hingegen für eine Autonomie der Ethnien gegenüber dem Regime ein, wobei die Unterschiede der Nationalitäten anerkannt werden sollten. Sie erklärte, dass sogar bei einem Sieg der proletarischen Revolution strikte Neutralität auf internationaler Ebene bewahrt würde. Dagegen versteckte Babrak Karmal keineswegs seine Absicht, engere Beziehungen mit der UdSSR, dem "Vaterland des Sozialismus" zu knüpfen.

Trotzdem zog Daud lieber die Parcham vor um seinen Staatsstreich durchzuführen: Als Zahir sich aus gesundheitlichen Gründen auf Reisen im Ausland befand, rief er die Republik aus. Unter der Komplizenschaft der Parcham wurden pro-westliche Politiker, darunter der frühere Ministerpräsident Maiwandwal, ermordet. Doch Daud, der für Afghanistan keine sozialistische Zukunft anstrebte, setzte schließlich sein auf einer Einheitspartei, der Nationalrevolutionären Partei, gegründetes Regime durch und wurde ihr Vorsitzender; vier Ministerposten gingen an Militärs, die mit der Parcham verbunden waren. Diese wurden jedoch 1975/76 aus ihren Ämtern entfernt, was die UdSSR alarmierte, die daraufhin die Zahl ihrer Berater zurückfuhr. Somit scheiterte die Taktik der Parcham, die durch eine "sanfte" Unterwanderung des Staatsapparates einen Reformprozess im Einklang mit den alten herrschenden Klassen beginnen wollte. Diese verweigerten sich jeder noch so kleinen Reform. Im Juli 1975 kam es im Panschir zu einer ersten Revolte gegen Daud. Diese Ereignisse stärkten die Khalq-Fraktion in der PVPA. Die UdSSR unternahm mit Hilfe von pakistanischen und indischen KommunistInnen ihrerseits große Anstrengungen, um zu einer Wiedervereinigung der beiden Fraktionen zu kommen, die sich bis 1977 gegenseitig der Mordversuche und der Komplizenschaft mit dem CIA bezichtigten. Schließlich gelang es der "brüderlichen Hilfe" aus Moskau, eine Wiedervereinigung zu organisieren, um danach gemeinsam im April 1978 Daud zu eliminieren.

DER STAATSSTREICH VOM APRIL 1978 UND DIE VERANTWORTUNG DER SOWJETUNION

Die Absetzung von Daud erfolgte nach zehn Tagen sehr heftiger Kämpfe, die durch den mysteriösen Mord an einem Gewerkschafter der PVPA, Mir Akbar Khyber, ausgelöst worden waren; diese Untat wurde sofort der Regierung angelastet. Der Tag der Beerdigung von Khyber wurde zu einer großen Demonstration, die in Richtung US-amerikanische Botschaft zog und sie angriff. Am Ende der Mobilisierungen wurde der Staatsstreich vollführt: Er war von Leuten wie General Abdul Qadir, der Daud seinen Aufstieg zur Macht ermöglicht hatte und dann ausgeschaltet worden war, sehr gut vorbereitet worden. Viele Zeugen, auch solche in Washington, berichteten, dass der Staatsstreich die Sowjetunion völlig überraschte.[1] Diese Hypothese scheint fundiert zu sein, wenn in Rechnung gestellt wird, dass Moskau jahrzehntelang sich immer um ein gutes Verhältnis zu Afghanistan bemühte, wer auch immer an der Regierung war, sofern nur die Neutralitätspolitik garantiert wurde.

Es gibt sehr interessante Zeugnisse über die afghanischen Ereignisse, die uns von einer überraschenden Quelle zur Verfügung gestellt wurden, nämlich dem früheren sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowski, der völlig unerwartet die Möglichkeit bekam, Papiere einzusehen, die sich in den Archiven der Kommunistischen Partei der UdSSR befanden.[2] Diesen Papieren zufolge hatte die internationale Sektion der KPdSU seit 1974 ein sehr negatives Urteil über den "unmoralischen Kampf", wie er von den Fraktion der PVPA geführt wurde, abgegeben und empfohlen Daud zu unterstützen. Im März 1979, als begonnen wurde die Möglichkeit einer Intervention in Betracht zu ziehen, sagte Ministerpräsident Kossygin: "Sowohl Taraki wie Amin verschleiern uns die wirkliche Lage. (...) Wir sollten ihnen ohne Umschweife mitteilen, welche Irrtümer sie begangen haben. Tatsächlich erschießen sie auch weiterhin alle, die mit ihnen nicht übereinstimmen, und sie haben fast alle Führer der höheren und mittleren Ebenen der Parcham umgebracht."

Die These, wonach Moskau vom Staatsstreich vom April 1978 völlig überrascht worden ist, scheint auch von der Tatsache bestätigt zu werden, dass Taraki, der als der größte Dogmatiker unter den Führern galt, an die Macht kam. Bei der erstbesten Gelegenheit, bereits im Juli jenes Jahres, vertrieb er Karmal, Qadir und andere Führer der Parcham aus dem Land; diese gingen teilweise in die UdSSR und teilweise in die Tschechoslowakei ins Exil. Eine breitere Säuberung wurde durchgeführt, als die übereilt beschlossenen "Reformen" zu zahlreichen Gegenreaktionen führten. Es kam ziemlich rasch an vielen Orten zu Aufständen. Mittels des pakistanischen Geheimdienstes versuchten die USA sich einzumischen. Der Iran unterstützte seinerseits Bewegungen der schiitischen Minderheit. China half verschiedenen Gruppen, die sich nur zum Teil auf den Maoismus beriefen. Im Sommer 1979 wurde eine Einheitsfront der Guerilla aufgebaut, die angeblich 80 Prozent des Territoriums kontrollierte.

Doch die Konflikte gingen weiter, auch innerhalb der Khalq zwischen Nur Mohammad Taraki und Hafizullah Amin. Mitte September endeten die Kämpfe in der Führungsspitze der PVPA-Khalq mit der Ermordung Tarakis. Amin war nun alleiniger Herrscher, führte aber die gleiche Politik weiter. Westliche Quellen erklärten ohne zu zögern, die ganze Sache sei von Moskau inspiriert gewesen, doch die von Bukowski erwähnten Archivberichte sagen, dass die Sowjets tatsächlich ein sehr negatives Urteil über Hafi Amin fällten und ihn sogar verdächtigten, sich in Richtung USA zu bewegen. Ob dieser Verdacht nun berechtigt war oder nicht - jedenfalls wurde Amins Verhalten gegenüber der UdSSR denselben Archiven zufolge als "immer stärker falsch und heuchlerisch" angesehen.

DAS SCHEITERN DER SOWJETISCHEN INTERVENTION

Seit dem März 1979 hatte Taraki noch vor Amin eine Intervention sowjetischer Truppen verlangt. Doch Moskau weigerte sich aus Angst vor internationalen Verwicklungen; daher verlangte er die Entsendung von Kontingenten aus Usbekistan oder Tadschikistan, die in der Lage waren, eine in Afghanistan gesprochene Sprache zu sprechen und die man als afghanische Soldaten ausgeben konnte, doch dieser Vorschlag wurde ebenfalls abgelehnt. Im Dezember jedoch entschlossen sich die Sowjets, sich Amins zu entledigen, um den gemäßigteren Babrak Karmal an die Macht zu bringen. Also taten die sowjetischen Führer so, als hätten sie die ursprüngliche Bitte nun freudig angenommen. Sie schickten Eliteeinheiten, die auch als Afghanen durchgehen konnten. Diese sollten angeblich insbesondere "die Sicherheit des Präsidentenpalastes" schützen. Es bereitete keine Schwierigkeiten, in den benachbarten angrenzenden Republiken einige Hundert KGB-Leute aufzutreiben, denen man Vertrauen schenkte. So wurde das Projekt am 29. Dezember 1979 in die Tat umgesetzt.

Sofort nach Ausschaltung des früheren Freundes, der zu einer Gefahr geworden war, wurden die Spezialeinheiten durch helle Soldaten ersetzt, die aus Russland, aus der Ukraine und den baltischen Staaten kamen, und bei denen Sicherheit bezüglich der Immunität gegenüber einer islamistischen Ansteckungsgefahr bestand. Sie sollten mit den Rebellen ernsthaft kämpfen, ohne jedoch mit ihnen kommunizieren zu können. Sie sollten einfach schießen, ohne jeden Versuch einen psychologischen Krieg zu führen. Daraus ergab sich ein Teufelskreis. Die demokratischen AfghanInnen waren zermürbt durch die Irrtümer und die Schrecken der ersten eineinhalb Jahre Herrschaft der PVPA. Sie begannen zumindest teilweise auf die Seite des Widerstands gegen die sowjetische Intervention überzuwechseln. Wir müssen hier auch anmerken, dass viele GymnasiastInnen, die in die Bergdörfer gegangen waren, um dort eine Alphabetisierung durchzuführen, schon umgebracht wurden, bevor sie ihre Arbeit beginnen konnten. Was als "Revolution von oben" begonnen worden war, endete in einem Krieg, in dem die von außen gekommene Armee überhaupt keine Unterstützung in der Bevölkerung mehr finden konnte. Darüber hinaus sahen sich die sowjetischen Truppen - im Unterschied zu den US-AmerikanerInnen in Vietnam - einem (vom Westen) gut bewaffneten Feind gegenüber, der von Agenten der CIA, des Mossad und des britischen Geheimdienstes ausgebildet wurde. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen hatte im Januar 1980 den Einmarsch verurteilt. Der Ausgang stand eigentlich von vornherein fest.

Es war Gorbatschow, der die Unmöglichkeit eines Sieges im Gelände festgestellt hatte und die Entscheidung zum Rückzug der sowjetischen Truppen traf.[3] Er bediente sich dieser Entscheidung auch zur Untermauerung seiner Entspannungspolitik. Der Rückzug wurde von symbolischen Gesten vorbereitet; außerdem wurde Babrak Karmal durch Najibullah, den Chef des Geheimdienstes, ersetzt, der die als ungeeignet angesehenen Entscheidungen von Taraki, die von dessen Nachfolgern bestätigt worden waren, wieder rückgängig machte (etwa die Ersetzung der Nationalflagge durch die rote Fahne oder die Bezeichnung "Demokratische Republik"). Der Rückzug ging zwischen 1988 und 1989 zu Ende, ohne dass das Regime sofort zusammengebrochen wäre. Es bekam sogar eine Atempause infolge der bestehenden Konflikte innerhalb des Widerstandes, der in sich tief gespalten war. Die von Najibullah gebildete Regierung - zu der seit Juli 1988 auch Minister gehörten, die nicht den Fraktionen der "KommunistInnen" zuzurechnen waren, konnte sich bis April 1992 an der Macht halten. Najibullah flüchtete unter den Schutz der UNO und wurde schließlich 1996 von den Taliban entführt, die ihn im September 1996 hinrichteten.

DIE SPALTUNG UNTER DEN MUDSCHAHEDDIN UND DER SIEG DER TALIBAN

Nachdem sich die Führer des Widerstandes gegen die sowjetische Invasion in Kabul festgesetzt hatten, stürzten sie sich in immer schlimmere Kämpfe untereinander. Es genügt hier, daran zu erinnern, dass 1993 die Kämpfe zwischen der Regierung Burhanuddin Rabbani (die es rein formal bis heute gibt) und den Kämpfern der Hebz-i-Islami-Partei von Gulbuddin Hekmatijar mindestens 10 000 Menschenleben forderten. Hekmatijar verband sich dann mit seinem alten Rivalen, dem usbekischen General Raschid Dostum, um die Regierung Rabbani-Massud (Verteidigungsminister) zu stürzen. Diese Kämpfe führten zur Zerstörung weiter Teile von Kabul.

Im November 1994 erfolgte in der Nähe von Kandahar der erste Angriff der Taliban, die bis dahin unbekannt waren. Binnen weniger Tage besetzten sie diese Provinzhauptstadt und bald darauf auch zwei weitere Provinzen. Im Januar 1995 halfen ihnen 3 000 islamistische Krieger aus Pakistan, als sie ihren nicht zu stoppenden Siegeszug in Richtung Hauptstadt begannen: Im Februar hatten sie bereits neun der dreißig Provinzen besetzt und lagen 25 Meilen vor Kabul, welches sie ab Oktober 1995 belagerten und bombardierten. Am 26. September 1996 schließlich wurde die Hauptstadt eingenommen. Die Bevölkerung schien resigniert und sogar erleichtert in der Hoffnung, die neuen Machthaber würden den blutigen Kämpfen, die nach dem Abzug der sowjetischen Truppen ausgebrochen waren, ein Ende setzen. Im Februar des folgenden Jahres besuchte eine Delegation der Taliban die Vereinigten Staaten, die sowohl auf direktem Wege wie mittels Pakistan mitgeholfen hatte, dieses entsetzliche Regime zu etablieren.

Zu dem Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels nach der Wende vom 11. September sind die früheren Freunde nun erbitterte Feinde "der Zivilisation" geworden. Auf die bedauernswerten AfghanInnen regnet es wieder einmal Bomben und Hunderttausende, ja Millionen Menschen sind wieder auf der Flucht, ohne zu wissen, wo sie Unterschlupf finden könnten. Ihre endlose Tragödie geht also weiter.

Antonio Moscato ist Professor für die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung an der Universität Lecce (Italien), Mitarbeiter der Monatszeitschrift Bandiera Rossa und Mitglied des nationalen Politischen Komitees des Partito della Rifondazione Comunista (Partei der Kommunistischen Erneuerung).
Übersetzung: Paul B. Kleiser



[1] Einige behaupteten, die Ermordung von Khyber sei von Moskau mit dem Ziel die beiden Fraktionen der PVPA zusammen zu Mobilisierungen zu zwingen, um Dauds Drohungen Stand halten zu können, in Auftrag gegeben worden. Vgl. zu diesem Thema den Artikel von Jean-Charles Blanc in der Sondernummer von Les Temps modernes vom Juli/August 1980, dem wir eine Reihe von hier aufgeführten Informationen entnommen haben.
[2] Vgl. Wladimir Bukowski, Gli archivi segreti di Mosca, Mailand (Spirali) 1999; dieses Buch ist wegen seiner antikommunistischen Tendenz ein ziemliches Machwerk, doch es enthält faktenreiche Dokumente.
[3] Nach offiziellen Quellen erlitt die sowjetische Interventionsarmee sehr schwere Verluste: 13 310 Tote und 35 478 Verletzte, von denen viele für ihr Leben verstümmelt sind.
Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 362 (Dezember 2001/Januar 2002).