USA:

Lehren aus dem GM-Streik

Kim Moody ist Direktor von Labor Notes, einem Informationsorgan für die radikale Linke innerhalb der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung. Er analysiert im Folgenden die wiedererstarkte Kampfbereitschaft an der Basis der US-amerikanischen ArbeiterInnenbewegung.

Von Kim Moody

Die Streiks in zwei Niederlassungen von General Motors in Flint, Michigan, waren der 16. bzw. 17. Streik gegen den Autoriesen seit 1994. Der von der Bezirksgruppe 649 der UAW (United Auto Workers) durchgeführte Streik im Karosseriewerk in Flint begann am Memorial-Day-Wochenende, nachdem das Management Blechformer (zur Herstellung von Motorhauben und Kotflügeln für Kleintransporter) aus dem Werk hatte abtransportieren lassen. Das wäre das Ende der von GM garantierten Arbeitsplätze im Flint-Werk gewesen.

GewerkschaftsfunktionärInnen hatten vorab von der Aktion gewusst, aber keinerlei Gegenmaßnahmen ergriffen, ja nicht einmal verhindert, dass UAW-Mitglieder in Mansfield, Ohio, wohin die Blechformer transportiert worden waren, bei Wiederaufbau mithalfen.

Der zweite Streik begann am 11. Juni, als ArbeiterInnen in Delphi East, einem Werk für Zubehörteile von GM in Flint, die Arbeit niederlegten. Insgesamt gab es seit 1990 22 Streiks gegen GM. Viele der Streiks haben die Kraft der Gewerkschaft und die Verletzbarkeit der gegenwärtigen Just-in-time-Produktion bewiesen. Häufig führten sie zu Neueinstellungen, obwohl GM vorher Entlassungen angekündigt hatte. Und oft zeigte sich, dass die Gewerkschaft Veränderungen der aggressiven Umstrukturierungspläne der Geschäftsleitung erzwingen konnte. In manchen Fällen - wie etwa letztes Jahr in Warren, dem GM-Eisenbahnwerk in Michigan, oder dieses Jahr in Flint - musste GM sogar Pläne aufgeben, die vorsahen, Investitionen zurückzunehmen oder gar Werke stillzulegen bzw. zu verlagern.

Dabei hatte GM geschworen, sich Investitionsentscheidungen niemals von der Gewerkschaft diktieren zu lassen. Doch genau das geschah, als die Gewerkschaft GM zwang, eine früher zugesagte Investition von 180 Millonen Dollar für das Karosseriewerk in Flint auch wirklich zu tätigen. Außerdem, so scheint es, ist durch die erzielte Vereinbarung auch die Abwicklung der Delphi-Werke in Flint und Dayton, Ohio, gestoppt worden. Dies alles sorgte dafür, dass die Vereinbarung eine überwältigende Zustimmung erhielt: 90% im Karosseriewerk und 76% bei Delphi. (Erst nach Streikende wurden Pläne des Managements bekannt, Delphi zu verkaufen.)

Die Gewerkschaft fügte der Gesellschaft enormen Schaden zu; ihr entgingen 3 Milliarden Dollar an Profiten und Umsätze in Höhe von 12 Milliarden Dollar. Streiks in nur zwei Werken sorgten dafür, dass 27 der 29 GM-Niederlassungen und insgesamt 100 Zulieferer aus den USA, Mexiko und Canada zeitweilig die Produktion einstellen mussten. Eine klare Lehre aus den diesjährigen Streiks ist, dass die ArbeiterInnen im Herzen der internationalen Lean Production an Macht gewinnen und die Gewerkschaften ihre Verhandlungsspielräume verbreitern konnten.

WICHTIGE PROBLEME BLIEBEN UNGELÖST

Trotz alledem blieben die wichtigsten Probleme ungelöst: Verschlankung, Outsourcing, Abwicklungen, Verschärfung der Arbeitshetze sind weiterhin brennende Probleme in den nordamerikanischen GM-Werken. Die permanenten Versuche von GM, mit der Konkurrenz aufzuschließen, gehören zum Wesen des Kapitalismus. Sie begannen nicht erst 1990, doch unter dem Druck von Wall Street beschleunigten sie sich. Dem aber können sich zwei Bezirksgruppen allein nicht entgegenstellen.

Die UAW-Verträge erlauben es der Gewerkschaft, auch zu lokalen Themen wie Gesundheits- und Sicherheitsstandards, Produktionsstandards (erhöhte Arbeitshetze) und der Beschäftigung qualifizierter Arbeitskräfte via Subunternehmen zu streiken. Diese Verträge, die, mit einigen Nachbesserungen, aus den 40er und 50er Jahren stammen, haben einige größere Änderungen nötig. Dabei geht es nicht um das Recht, zu lokalen Themen zu streiken, das ist ganz in Ordnung. Auch die Teamsters benutzten lokale Streiks bei Overnite (einem Unternehmen im Transportbereich, dessen Name so viel bedeutet wie "Über Nacht", d. Üb.) just zu der Zeit, als auch in Flint gestreikt wurde. Darüber hinaus aber hatten die Teamsters ein landesweites Ziel, nämlich Overnite zu zwingen, die "Nationalen Rahmentarifvertrag für den Frachtbereich" zu unterzeichnen.

Das Recht, zu lokalen Themen zu streiken, soll, wie gesagt, nicht bestritten werden. Vielmehr geht es darum, Themen wie Beschleunigung der Arbeitsprozesse, Outsourcing und Verschlankung unter das gemeinsame Dach landesweiter Verhandlungen zu bringen, den Unternehmen engere Grenzen zu setzen, kurz gesagt: die Rahmenbedingungen, unter denen lokaler Widerstand stattfindet, zu verbessern.

Die UAW-Spitze jedoch lehnte es ab, den Kampf auszuweiten oder - in einer Situation, da GM sowieso fast dichtgemacht hatte - wenigstens für die kommenden Verhandlungen im Jahre 1999 einen umfassenderen, landesweiten Ansatz zu thematisieren. Alles, was sie hervorbrachten, war ein weiteres Komitee, bestehend aus Mitgliedern der Gewerkschaftsspitze und dem Management, das "weitere Konfrontationen abwenden" soll, wie es die New York Times formulierte. Und eine Vereinbarung, die Streiks in den zwei Bremsen-Werken in Ohio, ausschließt. Streiks in diesen beiden Werken hatten das Unternehmen 1996 in die Knie gezwungen.

Als die Einigung in Flint erzielt wurde, sagten mehrere der Streikenden für die landesweiten Verhandlungen 1999 eine heftige Auseinandersetzung voraus. Denn ganz egal, wie die Gewinne oder Verluste in den lokalen Einigungen aussehen, die wesentlichen Probleme für die GM-ArbeiterInnen - beschleunigte Arbeitshetze, Outsourcing und Verschlankung entgegen der Vereinbarung von 1996, der zufolge 95% der Arbeitsplätze erhalten bleiben sollen - bleiben ungelöst.

WIEDER UND WIEDER UND WIEDER

Sieht man sich die 17 Streiks der letzten 4 Jahre an, so fragt man sich, weshalb die Gewerkschaft wohl dieselben Kämpfe immer und immer wieder austragen will, ohne die zugrundeliegenden Probleme wirklich anzugehen.

Die UAW betont immer wieder, dass alle Streiks dieser Serie jeweils streng "lokalen" Charakter hatten. Okay, nach dem Tarifvertrag dürfen längere Streiks nur zu Themen durchgeführt werden, die das örtliche Werk unmittelbar betreffen. Aber es geht doch um mehr. Zwar kann legal nur zu diesen Themen gestreikt bzw. über solche Themen verhandelt werden. Aber immerhin besitzt die Gewerkschaft noch das grundgesetzlich verbürgte Recht, den landesweiten Charakter dieser Themen öffentlich zu diskutieren.

Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen der Art, mit der die Teamsters 1997 den UPS-Streik angingen, und der Art, in der sich die UAW-Führung in diesem Jahr an die Öffentlichkeit wandte. Während nämlich die Teamsters ganz offensiv an die ArbeiterInnenklasse appellierten und ihren Streik als einen Streik aller Arbeitenden darstellten, wollte die UAW die Angelegenheit auf niedriger Flamme halten und betonte immer wieder, dass es hier um lokale Angelegenheiten gehe.

Noch immer hat die UAW die Gelegenheit zu erklären, dass all diese Themen unter das Dach der landesweiten Verhandlungen mit den Großen Drei im kommenden Jahr gesteckt werden. Doch bislang hat sie nichts auch nur annäherndes getan. AktivistInnen der Strömung New Directions Movement (etwa: "Bewegung für einen neuen Weg", d. Üb.) haben so etwas gefordert. Wie auch einige wenige unabhängige FunktionärInnen auf unterer Ebene sahen sie die Chance, eine breite Bewegung gegen GM in Gang zu bringen. Damit, so ihre Vorstellung, hätten die Themen zu landesweiten Themen gemacht und die Solidarität innerhalb der UAW und mit der gesamten ArbeiterInnenbewegung gestärkt werden können.

Es hat nicht sollen sein.

ABNEHMENDE MITGLIEDERZAHLEN

In den vergangenen 20 Jahren hat die UAW in den USA die Hälfte ihrer Mitglieder verloren, obwohl die Zahl der Beschäftigten im Automobilsektor nahezu konstant geblieben ist.

In Flint fiel die Zahl der Beschäftigten bei GM von 78.000 Ende der 70er Jahre auf 33.000 am Vorabend des Streiks. Die "tatsächliche Arbeitslosenquote" unter den schwarzen Männern liegt in dieser Stadt, in der 50% der EinwohnerInnen Schwarze sind, bei 27%. Kürzungspläne von GM für Flint sehen den Wegfall von weiteren 11.000 Stellen vor - Pläne, die ein Mitglied der Bezirksgruppe 599 der UAW als "industriellen Rassismus" bezeichnete. Den Grund dafür sieht die UAW darin, dass die Produktion zu einem großen Teil nach Mexiko verlagert wurde. Doch warum so viele Mitglieder der Gewerkschaft den Rücken gekehrt haben, lässt sich dadurch nicht erklären; hier spielen andere Gründe eine Rolle.

Der erste ist die gewachsene Produktivität in der Montage. Im Jahre 1978 stanzten und montierten 328.000 ArbeiterInnen 9 Millionen Autos und LKW in den USA. Heute schaffen 258.000 Beschäftigte 12 Millionen Autos und LKW.

Der zweite Grund für die abnehmende Mitgliederzahl in den Gewerkschaften ist Ausweitung von Zulieferern in den USA, in denen es keine gewerkschaftliche Organisierung gibt. Die Zahl der ArbeiterInnen in diesem Sektor stieg von 352.000 im Jahre 1978 auf 437.000 heute, der Organisierungsgrad in solchen Unternehmen aber ist von 75% auf 10% gefallen. Doch die UAW-Führung beharrt weiter darauf, dass die zurückgehende Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sich nur mit lokalen Themen beschäftigen soll. Diese BürokratInnen können eine jahrzehntealte Gewerkschaftsideologie und -praxis nicht so einfach abschütteln.

Während der 25 Jahre, die auf das Ende des Zweiten Weltkriegs folgten, gingen lokale Streiks wirklich um lokale Angelegenheiten; landesweite Streiks waren meist nur kurze Intermezzi (mit wichtigen Ausnahmen, wohlgemerkt).

In jenen Tagen sprach man nicht gut von "Streikbrechern". Gleichzeitig aber wurden die Reihen der Gewerkschaft zunehmend aufgebrochen durch "Private Wohlfahrtssysteme", die von den Unternehmen gesponsert waren und damit die Gewerkschaft und ihre Mitglieder an das Unternehmen banden. Hierdurch wurde eine Identifizierung mit dem Unternehmen gefördert und ein "Inselbewusstsein" geschaffen.

Das passive Verhalten und die Illusionen der Gewerkschaftsführung erhielten weitere Nahrung durch 15 Jahre Kooperationspolitik im Namen der "Wettbewerbsfähigkeit", mit den entsprechenden Folgen für das Gewerkschaftsbewusstsein auf allen Ebenen.

Das Problem ist, dass die Vereinbarung, auf der Ideologie und Praxis in der Zeit nach 1945 basierten, seit langem gebrochen ist. Anfang der 70er Jahre gab es eine Reihe lokaler Streiks (z.B. Norwood oder Lordstown) gegen die Verschärfung der Arbeitsbedingungen, wie auch einige wilde Streiks gegen Repression in den Detroiter Niederlassungen. Doch die meisten dieser Streiks wurden von der UAW-Bürokratie verwässert oder zerschlagen.

Die von der UAW mitgetragene ausgeklügelte und millionenschwere Partnerschaft zwischen Kapital und Arbeit tendierte dazu, die Gewerkschaft zu entwaffnen und den Gesellschaften gleichzeitig die Möglichkeit zu geben sie auszumanövrieren.

Im Falle Caterpillar, einem weiteren UAW-Partner, wurde mehr als nur diese Vereinbarung verletzt. Das Unternehmen nutzte die "Kooperationsperiode" Ende der 80er Jahre, um in nichtgewerkschaftliche Niederlassungen in der ganzen Welt zu investieren, um danach dann mit Hilfe von Streikbrechern die Gewerkschaft im eigenen Hause zu schlagen. Dasselbe versuchte auch GM, aber mit geringerem Erfolg.

"PARTNERSCHAFT" ODER HEUCHELEI?

Trotz seiner Millioneninvestitionen in die oben beschriebenen "Wohlfahrtsprogramme" wurde die GM-Politik unter dem Druck von Wall Street und AktionärInnen schärfer. Es wurde beschlossen, mit Verschlankung und Outsourcing die Betriebskosten zu senken.

GM warf die Praxis oder, besser gesagt, die Heuchelei der Partnerschaft über Bord, sogar in der Vorzeige-Fabrik Saturn. Es gab eine Reihe kleinerer Proteste von der Basis, erst gegen die Gewerkschaftsführung, dann gegen die "risk-and-reward"-Verträge (etwa: "Risiko und Belohnung", d. Üb.). Schließlich brachte eine überwältigende Streikabstimmung im Juli 1998 diese Partnerschaft zu Fall.

Im GM-Toyota joint venture NUMMI ging das Management sogar noch weiter. Es drohte damit, die LKW-Produktion selbst in die Hände zu nehmen für den Fall, dass mit Auslaufen des Vertrages Ende Juli gestreikt würde. Ende Juli waren die Bezirksgruppen in 6 GM-Niederlassungen bereit und willens gegen das Großunternehmen zu streiken. Doch wieder wurde die Maxime ausgegeben, das seien alles nur lokale Auseinandersetzungen.

Und die GM-Propaganda zeigt Wirkung bei den ArbeiterInnen. Wie kann man noch für sichere Jobs und würdige Arbeitsbedingungen eintreten in einer Welt, die vom Wettbewerb Jeder-gegen-Jeden geprägt ist?

Ja, wie - wenn deine Weltsicht, wie bei so vielen GewerkschafterInnen, so vollgestopft ist mit Prioritäten des Kapitals? Wenn man zum Beispiel die Wirklichkeit so weit verdreht, dass die erhöhte Wettbewerbsfähigkeit von GM als Grundlage von Arbeitsplatzsicherheit angesehen wird, statt als Argument für Arbeitsplatzabbau?

Mangels Alternativen fallen viele zurück in dieses Denken. Und die UAW konnte und wollte solche Alternativen sicherlich nicht aufzeigen. Stattdessen klagte die Gewerkschaft darüber, dass mit den Auslandsinvestitionen von GM der Parole "Amerika zuletzt" gefolgt würde. Patriotismus als letzter Rettungsanker für Schurken, die durch den Einbruch bei den Gewerkschaften in Bedrängnis geraten sind.

UMFASSENDE PROBLEME

Erhöhtes Arbeitspensum, beschleunigte Arbeitshetze, Outsourcing und Jobverlust sind nicht nur Probleme der Beschäftigten bei GM. Bei Chrysler gab es im vergangenen Jahr zwei Streiks, einer davon ein wilder Streik. Und unter der Oberfläche gibt es noch weit mehr Unmut. Am 26. Juli zitierte das Wall Street Journal UAW-FunktionärInnen bei Ford und Chrysler, die betonten, dass die nationale Gewerkschaftsführung zu oft einen zu sanften Kurs gegen das jeweilige Management gefahren habe.

Die Probleme, die die ArbeiterInnen bei GM umtreiben, sind auch bei Ford und Chrysler nicht geringer. Und es könnte in der internationalisierten Autoproduktion von heute auch gar nicht anders sein, wo Wettbewerb die Überproduktion nährt, weil Unternehmen Marktanteile erobern wollen; wo schlanke Produktion - mit den Folgen: weniger Arbeit, höhere Intensität - die Norm geworden ist; wo der Blick auf die Wettbewerbsfähigkeit alle zwingt, Überkapazitäten abzubauen.

WIE DIE ARBEITERiNNENKLASSE SICH SIEHT

GewerkschaftsführerInnen, die gerade mal ein vage sozialdemokratisches Weltbild besitzen, bilden sich immer noch ein, der Basis voraus zu sein, was gesellschaftliche Sichtweise, strategisches Denken oder politische Pfiffigkeit anlangt. Tatsächlich aber sind sie inzwischen von einem Gutteil der Basis überholt worden.

Immer mehr Menschen verstehen die fast universelle Dimension der Probleme, die zu den vielbeachteten Streiks bei UPS im letzten Jahr oder bei GM in diesem Jahr führten. Die Unterstützung in diesen Streiks war überwältigend. Die Streikenden bei GM erhielten bei Umfragen 67% Zustimmung in der Gegend um Flint, 74% in einer vom Fernsehsender ABC initiierten Internet-Umfrage, und eine als "überwältigend" bezeichnete Zustimmung in einer Umfrage des Gallup-Instituts.

Die vom Wettbewerb diktierten Anstrengungen des Kapitals in den vergangenen zwanzig Jahren, die Art und Weise der Produktion völlig neu zu entwerfen, umzubauen und zu transformieren, hat Arbeitsplatzthemen zu sozialen Themen gemacht. Und hier liegen auch die Wurzeln einer neuen Strategie, die Hoffnung, quer durch die gesamte Arbeitswelt und sogar darüber hinaus zu mobilisieren - die Hoffnung, die Unorganisierten zu organisieren.

Gleichzeitig sorgte die kaum vorhersehbare Reorganisation des Kapitals durch Zusammenschlüsse, Übernahmen und Abstoßungen von Betriebsteilen dafür, dass das Kapital noch deutlicher ins Fadenkreuz der Ablehnung in der ArbeiterInnenklasse geriet. Zählt man hierzu noch die ebenso bekannte Explosion der Oberklassen-Einkommen und den astronomische Höhenflug von Aktienkursen und Dividenden, so hat man die Grundlagen für ein erneutes Erstehen von Klassenbewusstsein beisammen.

Wohlgemerkt, dieses neue Bewusstsein hat einen schweren Kampf vor sich: gegen eine jahrzehntealte Gewerkschaftsideologie, Rassismus, Konservatismus und das Totgewicht von so viel "gesundem Menschenverstand". Die heutige Gewerkschaftsführung ist gefangen in ihrer eigenen widersprüchlichen Ideologie. Auf der einen Seite die alte Ideologie des Co-Managements, die mit sich das Gewicht so vieler vergangener - jetzt toter - Partnerschaften herumschleppt; auf der anderen eine aus den Trümmern der ArbeiterInnenbewegung vage aufkeimende Popularität.

Der Kampf und der Kampfverlauf bei GM weisen deutlich auf die Möglichkeiten und Schwächen der Bewegung. Nach zwanzig Jahren Lähmung und fast vollständiger Passivität regt sich die Basis im Autosektor wieder, leistet Widerstand auf lokaler Ebene - der zur Zeit einzigen, wo sie die Kraft dazu hat. Die wiederaufblühende Kampfbereitschaft in der UAW hat auch die Führung gezwungen, die Tür zu Streikaktionen weiter aufzustoßen und sogar mit einem eigenen taktischen Konzept aufzuwarten: Serienstreiks, die die Produktion nachhaltig beeinträchtigen.

Dennoch hat die Basis momentan nicht die Kraft, die Führung zum nächsten Schritt zu zwingen: eine wahrhaft landesweite Strategie zu formulieren, um Themen von umfassendem Charakter anzugehen. Und die eingeschränkte Strategie der Führung bremst umgekehrt wieder eine breitere Streik-Mobilisierung in der Klasse. Die Situation schreit nach einem Durchbruch, doch die dazu notwendigen Kräfte stehen noch nicht bereit. Es braucht mehr als einen oder zwei Streiks, um Substanzielles zu erreichen.

1898 erklärte Daniel De Leon, zu dieser Zeit Führer der Socialist Labor Party, streikenden TextilarbeiterInnen in New Bedford, dass ihr Streik nichts anderes sein würde als Teil einer ganzen Serie verlorener Streiks, wenn er nicht in eine breite sozialistische ArbeiterInnenbewegung eingefügt sei. Seine geradlinige Vorstellung (sozialistische Partei plus sozialistische Interessenvertretung der Arbeitenden führen zum Generalstreik) wird heute nicht einmal gedacht. Die Chance, aus diesen Kämpfen eine klassenbewusste Bewegung aufzubauen besteht - wie schwierig der Weg und wie weit das Ziel auch sein mögen.

Die Herausforderung für die Linken besteht darin, die Kräfte für einen Durchbruch zu sammeln und zu organisieren - lokale Kämpfe auf die landesweite Ebene zu heben, über die Gewerkschaft hinaus zu denken und zu handeln, mit einer Klasse in Verbindung zu treten, die beginnt, sich als Klasse zu sehen.


Aus FI-press-l, 6.10.1998
Übers.: Georg Rodenhausen

Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 325