Nachruf

Fidel Castro (1926–2016)

Man führe sich vor Augen, wie die Welt damals ausgesehen hat: Der Kalte Krieg war auf dem Höhepunkt, die internationale Arbeiterbewegung war durch den Stalinismus wie auf Eis gelegt. Die kubanische Revolution hat die blockierte Situation aufgebrochen und eine neue Hoffnung geschaffen.

François Sabado


Eine internationalistische revolutionäre Dynamik


Wie konnte es sein, dass eine „Guerilla“ von ein paar Dutzend, dann ein paar hundert KämpferInnen ein ganzes Volk mit sich ziehen kann, so dass die blutige Diktatur von Batista gestürzt wird? Wie ist es zu erklären, dass es einem Volk von 10 Millionen Menschen gelingt, dem US-amerikanischen Imperialismus die Stirn zu bieten und dadurch die Weltlage zu polarisieren?

An dieser Stelle sind die Führungsqualitäten von Fidel Castro anzuerkennen. Sie stehen in der Tradition von José Martí, dem kubanischen Revolutionär und Vorkämpfers für die nationale Befreiung gegen den nordamerikanischen Imperialismus. Es ist aber eine doppelte Besonderheit der kubanischen Revolution festzuhalten: Während in der damaligen Arbeiterbewegung Strategien von Bündnissen mit der nationalen Bourgeoisie vorherrschen, betreiben Fidel und seine MitkämpferInnen eine Strategie des bewaffneten Kampfs, bei der Aktionen der Guerilla, die Massenbewegung, Demonstrationen und aufständische Streiks miteinander kombiniert werden. Die zweite Besonderheit besteht darin, dass die kubanische Führung dadurch, dass sie sich dem „Yankee-Imperialismus“ entgegenstellt, die Souveränität des Landes sichert. Dazu nationalisiert sie das große kapitalistische Eigentum, vor allem das nordamerikanische, und beginnt sie das Land aus der Unterentwicklung herauszuholen, vor allem in den Bereichen Bildung und Gesundheit.

Auch wenn Kuba ein kleines Land ist, treibt Fidel einen revolutionären Prozess in der westlichen Hemisphäre voran. Die Alchemie zwischen Fidel und [dem aus Argentinien stammenden] Che Guevara knüpft an die besten internationalistischen Traditionen der Arbeiterbewegung an. Es gibt zahlreiche Aufrufe zur Unterstützung der kämpfenden Völker, an erster Stelle des vietnamesischen Volks. Im Januar 1966 organisieren die KubanerInnen eine internationale Konferenz der sogenannten „Trikontinentale“, zu der die antiimperialistischen Kräfte aus Afrika, Asien und Lateinamerika zusammenkommen. Das war eine Premiere seit den großen internationalen Konferenzen der 1920er Jahre. Diese Politik konkretisiert sich in den bewaffneten Kämpfen, die der Che in Lateinamerika (Bolivien) und in Afrika (Kongo) betreibt; auch in den 1970er Jahren, als durch die Entsendung von Tausenden von kubanischen Soldaten dem angolanischen Volk geholfen wird, die Angriffe der südafrikanischen Truppen zurückzuschlagen.

Wir können – und wir müssen – über bestimmte militaristische Irrwege der kubanischen Strategien diskutieren, das Wesentliche in der damaligen Periode war aber das Wiederaufleben einer internationalistischen revolutionären Dynamik.


Sowjetischer Druck und bürokratische Deformationen


Die kubanische Revolution war ab Ende der 1960er mit der Realität der Kräfteverhältnisse und des Weltmarkts konfrontiert. Sie macht am „eigenen Leib“ die schmerzhafte Erfahrung, wie sehr die Warnung an die revolutionäre Bewegung zutrifft, die von der russischen Revolution ausgegangen ist: „Der Sozialismus lässt sich nicht in einem einzelnen Land aufbauen“ …

Das Land ist isoliert, es wird von der nordamerikanischen Blockade und dem Embargo an der Gurgel gepackt, die kubanische Führung hat immer weniger die Mittel, um ihre Politik durchzuführen. Die taktischen Vereinbarungen mit der UdSSR, die gegen den US-Imperialismus notwendig sind, verwandeln sich in politische Unterordnung. Im August 1968 unterstützt Fidel Castro die russische Intervention in der Tschechoslowakei. Auf wirtschaftlichem Gebiet schwächt die Entscheidung, die Zuckermonokultur zu verstärken, das Land beträchtlich, sie führt 1970 zum Scheitern der „zafra“, der Zuckerrohrernte. Sie steigert die Abhängigkeit Kubas von der UdSSR, und das umso mehr, als die nordamerikanische Blockade noch strikter wird.

Vor diesem Hintergrund dient das sowjetische Modell immer mehr als Vorbild. Die Konzeptionen einer hierarchischen Ordnung von oben nach unten, die darauf zurückgehen, dass der Militarismus der kubanischen Revolution den Stempel aufgedrückt hat, und das sowjetische Modell verstärken die bürokratischen Deformationen des kubanischen Staats: Einschränkungen der demokratischen Freiheiten, Fehlen von politischem Pluralismus, Repression gegen Oppositionelle, Konsolidierung des Regimes der Einheitspartei, eigenständige soziale oder politische Strukturen des kubanischen Volks gibt es nicht …


Was nun?


      
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Unter diesen Bedingungen haben viele vorhergesagt, die kubanische Revolution werde ganz ähnlich wie die UdSSR und die Staaten im Osten zusammenbrechen. Aber Kuba hat trotz der fürchterlichen Jahre der „Sonderperiode“, die durch das Ende der sowjetischen Hilfe in Verbindung mit dem US-Embargo geprägt war, durchgehalten! Denn diese Revolution war trotz ihrer Fehler nie ein russischer Importartikel gewesen. Sie war eine historische Bewegung, eine eigene Bewegung des kubanischen Volks. Die „Anti-Yankee“-Triebfedern, die Errungenschaften der Revolution (auch noch die ausgedünnten), die grimmige Entschlossenheit zur Bewahrung seiner Souveränität sind stärker gewesen.

Bis wann? Die Kräfteverhältnisse sind schrecklich ungünstig. Was wird die nordamerikanische Administration tun: Kuba mit Waren überschwemmen oder das Embargo fortsetzen? Wie werden die Kräfte innerhalb der kommunistischen Partei und des kubanischen Volks sich neu organisieren? Werden sich die AnhängerInnen eines chinesischen oder vietnamesischen Wegs durchsetzen? Wird das kubanische Volk einmal mehr die Mittel und Wege finden, um seine Revolution fortzusetzen? Wir hoffen es und wir unterstützen es in diesem Kampf.

Aus dem Französischen übersetzt von Wilfried Dubois

François Sabado gehört dem Büro der Vierten Internationale an und ist Mitglied der NPA. Er ist ein wenig jünger als Alain Krivine, Daniel Bensaïd oder Pierre Rousset, gehört aber noch zu der gleichen politischen Generation, die von der Algeriensolidarität, der über Lateinamerika hinaus ausstrahlenden kubanischen Revolution, der Streitfrage „Frieden für Vietnam“ oder „Sieg der Revolution“ in den Jahren, in denen Indochina der „vorderste Schützengraben“ der Weltrevolution und ebenso der Welt-Konterrevolution war, sowie den „reformkommunistischen“ antibürokratischen Bewegungen in Polen und der ČSSR geprägt worden ist; es war und ist eine Generation, die gründlich mit der in der Arbeiterbewegung in Frankreich bis 1968 fast unangefochten hegemonialen Französischen Kommunistischen Partei (PCF), die aber auch schon vor Mai/Juni 1968 unter den Studierenden und SchülerInnen nicht mehr alles auf der Linken kontrollieren konnte, gebrochen hat.

Siehe auch: Samuel Farber, „Fidel Castro (1926-2016)“ (26. November 2016), auf der Webseite der Monatszeitschrift In These Times (Chicago), http://inthesetimes.com/article/19672/fidel-castro-1926-2016-death-history-communist-party; auf Französisch: http://alencontre.org/ameriques/amelat/cuba/cuba-fidel-castro-1926-2016.html. Dave Kellaway, „Fidel dies“ (27. November 2016), http://socialistresistance.org/fidel-dies/9306.



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Dieser Artikel erschien in der Online-Ausgabe von Inprekorr Nr. 6/2016 (November/Dezember 2016) (nur online).