Syrien

Die Feinde der Volksrevolution

Resolution der Strömung der revolutionären Linken in Syrien

Vor der berühmten Genf-2-Konferenz, die eine Totgeburt zur Welt bringen wird, führen islamistische Gruppen und die Brigaden der freien syrischen Armee (FSA) gegen die reaktionäre und faschistische, zur Al-Qaida gehörende Organisation DAESH (Islamischer Staat in Irak und in der Levante) einen gnadenlosen Krieg.

Es muss daran erinnert werden, dass die Volksbewegung vor allem seit vergangenem Jahr nicht mehr nur unter der Gewalt und der beispiellosen Brutalität des diktatorischen bürgerlichen Regimes gelitten hat. Sie war ebenso der Repression durch bewaffnete islamistische Gruppen unterworfen, deren Fanatismus und Gewalt gegen die Aktivistinnen und Aktivisten der Volksbewegung je nach Gruppe variieren. Davon zeugen die willkürlichen Verhaftungswellen, beispielsweise wegen Umgangsformen, die von diesen reaktionären Gruppen als unvereinbar mit ihrer Vision des Islams angesehen werden (Zigaretten rauchen, Kleidermode, ...), aber auch die gegen Demonstrierende abgefeuerten Gewehrsalven, deren Verhaftung oder die Ermordung zahlreicher Aktivistinnen und Aktivisten wie auch einiger Führer der FSA, die durch ihr Engagement für die Grundsätze der Revolution bekannt wurden. Die schlimmsten dieser reaktionären und brutalen Gewalttaten wurden im großen Maßstab durch die DAESH verübt.

Dies hat auf Seiten des Volkes Reaktionen gegen sie und ähnliche Gruppen hervorgerufen, so dass ihnen alle Unterstützung und jeder Schutz in der Bevölkerung fehlt. Ihnen bleiben nur der Terror und die Unterdrückung als Mittel, um einigen Regionen ihre Kontrolle aufzuzwingen, so etwa in Al-Reqqa, Rif Idlib und Aleppo. Das Unbehagen und die Wut der Öffentlichkeit gegenüber diesen Gruppen haben auch diejenigen Überreste der FSA ergriffen, die sich weiterhin an das Programm der syrischen Revolution halten, das die Befreiung, Demokratie, Gleichheit und soziale Gerechtigkeit fordert.

Die irre Besessenheit der DAESH, den Regionen ihre Kontrolle aufzuzwingen, soweit sie nicht mehr unter der Kontrolle der Regierung stehen, hat sie veranlasst, Brigaden der FSA oder sogar islamistische Gruppen mit den gleichen ideologischen Referenzen anzugreifen. Sie macht Jagd auf ihre Glaubensbrüder und versucht, der Bevölkerung ein äußerst reaktionäres, ideologisches, politisches und soziales Modell aufzuzwingen, das auf dem „Grundsatz“ des „Kampfes gegen das Böse“ gründet.

Dies hat die anderen rivalisierenden Gruppen veranlasst, sich zusammenzutun, um gegenüber den Angriffen der DAESH Gewicht zu gewinnen. So wurde zuerst die „Armee des Islams“ gegründet und dann, Ende November 2013, die „islamische Front“, beide mit einem reaktionären Programm, das den Thesen der DAESH vergleichbar ist. Diese Front hat Farbe bekannt, als sie sich gegen „die Demokratie, die Trennung von Kirche und Staat und den zivilen Staat“ aussprach. Sie erklärte ohne Umschweife, dahin zu wirken, dass „die Souveränität in diesem Staat bei Gott liege, der einzigen Referenz, dem einen und einzigen Herrscher, der das Handeln der Menschen, der Gesellschaft und des Staates lenkt und organisiert“. Dann entstand die „Front der syrischen Rebellen“, bestehend aus einigen islamistischen Splittergruppen und mehreren Brigaden der FSA, um „eine gute islamische Regierung einzurichten“. Es gab auch einen Versuch, die „Al-Nosra-Front“ (Front für den Sieg des Volkes der Levante) zu stärken, als ob sie ein besseres Profil hätte als die DAESH, wiewohl sie doch nur zwei Seiten derselben Medaille sind: reaktionär, faschistisch und beide der Al-Qaida zugehörig.

Der sich zwischen diesen bewaffneten Gruppen abspielende Krieg hat als wesentliches Ziel die Kontrolle über Einflusszonen in den „befreiten“ Gebieten und die ideologische Hegemonie, die jede der rivalisierenden Gruppen mittels mittelalterlicher Organisationsformen der Bevölkerung aufzuzwingen versucht. Deshalb kann ohne Irrtum behauptet werden, dass ­ abgesehen von einigen Brigaden der FSA, die in den letzten Monaten geschwächt und marginalisiert worden ist ­ die wahre Absicht der rivalisierenden Gruppen, die ihrerseits mit der DAESH im Konflikt liegen, überhaupt nicht in der Verwirklichung der Forderungen der Revolution besteht, das Regime zu stürzen und ein freies und demokratisches Syrien aufzubauen. (...)

Die breiten Massen bezahlen erneut die Rechnung für diesen blutigen Konflikt. Er hat aber auch dazu beigetragen, die wahre Natur des salafistischen und dschihadistischen Islam offenzulegen. (...) Es ist höchst wahrscheinlich, dass einige unter denen, die den politischen Salafismus unterstützt haben oder in seinem Einflussbereich verbleiben, sich davon abgrenzen, weil sie sich ihres Irrtums bewusst werden oder weil sie in der Not oder unter Zwang dazu gedrängt wurden, ihn zu unterstützen.

Trotzdem tendiert der laufende Konflikt dazu, dass einerseits die Chancen für eine Schwächung der reaktionären Kräfte steigen und, andererseits, das unabhängige revolutionäre Bewusstsein in den Massen neu auflebt; aber auch dass nach einer Periode des Niedergangs im vergangenen Jahr ­ aufgrund der doppelten Repression des Regimes und der oben erwähnten konterrevolutionären und reaktionären Kräfte ­ ein neues Auf blühen der Volksbewegung einsetzt (...).

Ein solcher Aufschwung der Bewegung ist seit dem Beginn des Konflikts zwischen der DAESH und ihren Rivalen geradezu greif bar in der Zunahme der breiten Demonstrationen in den „befreiten“ Gebieten (...).

Deshalb wetten wir nie auf den Sieg einer dieser reaktionären Gruppierungen, sondern wir zählen auf die Fortsetzung der Revolution und ihren Sieg. Wir wetten nur auf die breite revolutionäre Bewegung und die Brigaden des bewaffneten Volkswiderstandes in der FSA, die sich weiterhin mit den Zielen der Revolution identifizieren und für ihre Weiterführung und für den Sturz der sich an der Macht haltenden Clique kämpfen. (...)

Wir rufen zu einem breiten Bündnis um die Losungen der syrischen Revolution für Freiheit, Gleichheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit auf, gegen die beiden Faschismen: denjenigen der salifistischen Dschihadisten und denjenigen des blutigen diktatorischen Regimes.

Ebenso wie wir überzeugt sind, dass der Weg zu einer Verwirklichung der Ziele der Revolution noch lang und schwierig ist und dass es Siege und Rückschläge geben wird, sind wir absolut davon überzeugt, dass die Flamme der Revolution, die die Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen zum Aufstand getrieben hat, bis zur Verwirklichung ihrer Forderungen nach Befreiung nicht erlöschen wird.

Deshalb muss die revolutionäre Linke in Syrien, die das Banner des Sozialismus hochhält, unermüdlich im Rahmen dieses komplexen und durchmischten revolutionären Prozesses arbeiten, um verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Darunter fallen das konkrete Engagement in allen Massenkämpfen, an allen Orten und zu jeder Zeit, um ihre Forderungen und ihre direkten und gemeinsamen Interessen zu verteidigen. Gleichzeitig muss die revolutionäre sozialistische Arbeiterpartei aufgebaut werden. Alle Macht und aller Reichtum dem Volke!

Damaskus, 15. Januar 2014

Der vorliegende Text wurde aus dem Arabischen von Rafik Khalfaoui für www.lcr-lagauche.org ins Französische übertragen; diese Version liegt der Übertragung ins Deutsche zugrunde.

Übersetzung: Willi Eberle



Dieser Artikel erschien in Inprekorr Nr. 3/2014 (Mai/Juni 2014).